Kritik von

Eine Reise durch den Ersten Weltkrieg

Paulus Manker zeigt „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus in Wiener Neustadt

Die letzten Tage der Menschheit © Bild: Sebastian Kreuzberger
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Die wirklichen Könner unter den Theatermachern wissen, wie man die Essenz eines Stoffes vermittelt. Paulus Manker ist einer dieser Könner, wie er mit Karl Kraus monumentaler Tragödie „Die letzten Tage der Menschheit“ in Wiener Neustadt zeigt. Das ist alles andere als eine einfache Aufgabe. wie man an den gescheiterten Versuchen großer, österreichischer Bühnen in den vergangenen Jahren verfolgen konnte. 220 Szenen umfasst die „Tragödie in 5 Akten mit Vorspiel und Epilog“. Die meisten Regisseure reduzierten ihre Aufführungen auf eine Auswahl des Best-of.

Manker, zeigt, dass Kraus’ Werk tatsächlich aufführbar ist, wenn man ihn versteht. Er macht erlebbar, worum es Kraus gegangen ist: nämlich um die zunehmende Verrohung, der Bestialisierung der Menschheit in einer Kriegssituation, der Manipulation der Massen und des Elends, das daraus resultiert.

Die letzten Tage der Menschheit
© Sebastian Kreuzberger

Dafür hat er das ideale Ambiente gefunden: die „Serbenhalle“ in Wiener Neustadt. Das Gebäude wurde von den Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg in Serbien erbeutet, mit dem Zug abtransportiert und in Wiener Neustadt wieder aufgebaut. Zwangsarbeiter sollten dort die V2-Rakete, die sogenannte „Wunderwaffe“, erzeugen. Manker nutzt das Gebäude optimal: die Wiener Schauplätze, wie die Sirk-Ecke, das Café Pucher, das Geschäft des Lebensmittelhändlers Chramosta sind in der Haupthalle angesiedelt, ein gigantischer offener Transportwaggon dient als Bühne. Mit Georg Resetschnig hat Manker ein Lazarett, eine Redaktion und eine Bibliothek eingerichtet. Weitere Zimmer sind liebevoll historisch möbliert.

Gezeigt werden 75 Szenen, manche davon gleichzeitig in diversen Räumen.

Die Auswahl ist klug. Man beginnt, wie es im Stück steht. An einem Sommerabend. Man befindet sich am Vorabend des Ersten Weltkriegs, die Ermordung des Thronfolgers wird gemeldet. Die Schauspieler fahren auf einer Bühne auf Schienen in die Halle, mengen sich unters Publikum. Gleich ist man auf dem Korso auf der Ringstraße, gleich im Cafe Pucher. Die Schauspieler lassen wissen, in welchen Räumen gespielt wird. Das erinnert an Mankers Aufführung von Sobols „Alma“. Auf Tabletts werden Kärtchen mit QR-Codes serviert, über die man via Smartphone Hintergrundinformationen zu den einzelnen Szenen abrufen kann. Das funktioniert perfekt.

Wie Manker mit seinen dreißig Schauspielern Stimmungen erzeugt, ist atemberaubend. Er setzt auf Atmosphäre. Auf einem offenen Waggon wird das Publikum ins Freie gefahren, wo man einen Schau-Schützengraben nachstellt und die Kriegsberichterstatterin Schalek an der Front agiert. Alle Darsteller treten in mehreren Rollen auf. Die Schärfe der Kraus’schen Sprache machen vor allem der Burgschauspieler Franz Josef Csencsits (er tritt in Wiener Neustadt unter dem Namen Grotrian auf), und Alexander Wächter als Optimist hörbar. Geendet wird nach sechseinhalb dichten Stunden, einem als Leichenschmaus für den toten Zeitungsleser Biach ins Stück eingebautem Abendessen inklusive, nicht wie im Stück, mit der Stimme Gottes, sondern mit Anna. Die Ehefrau eines Soldaten, die ihren Mann für tot hielt und von einem anderen ein Kind erwartet, ist bewegend gespielt.

Das Konzept auf Atmosphäre zu setzen, entspricht kongenial Kraus’ Werk. Denn die kurzen Szenen sind Momentaufnahmen aus dem Leben im Krieg.

Chapeau vor dem Theatermacher Manker: ohne Subventionen hat er eines der aufregendsten Theaterereignisse der Saison geschaffen.