Kritik von

Literarischer Historien-Thriller

Ernst Lothars Roman „Der Engel mit der Posaune“ als spannendes Schauspieler-Theater

Kritik - Literarischer Historien-Thriller © Bild: Sepp Gallauer / Theater in der Josefstadt

Die Dramatisierung von Romanen wird an Theatern heute bis zum Überdruss praktiziert. Dem entzieht sich auch das Theater in der Josefstadt nicht. Dort aber funktioniert das seltsamerweise wie bei Ernst Lothars Epochenroman „Der Engel mit der Posaune“ in drei spannenden Stunden zu erleben ist. Denn Regisseur Janus Kica beschränkt sich nicht auf die einfache Wiedergabe der Historie: Österreichs Geschichte, vom Ende der Habsburgermonarchie bis zum Nationalsozialsozialismus“ wird darin am Beispiel der Wiener Klavierbauerfamilie Alt abgehandelt.

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Im Haus Österreich leben die Völker nebeneinander, ohne dass sie miteinander wirklich auskommen können, wie die Familienmitglieder der Alts. Das ist Geschichtsunterricht pur. Kica zeigt das Geschehen auf Karin Fritzs dunkler, karg eingerichteter Bühne als dunklen Thriller. In dessen Zentrum steht das zunächst junge Paar Henriette (Maria Köstlinger), eine geborene Jüdin und Intellektuelle, die eine Freundschaft mit dem Kronprinzen Rudolf vor ihrer Ehe unterhielt, und der Erbe Franz Alt (Michael Dangl). Das Spitzelwesen, die Maschinerie der Monarchie, das Aufkeimen des Nationalsozialismus werden wie Momentaufnahmen zu einem Ganzen gefügt. Manche Szenen, vor allem der mahnende Schluss, muten wie Schulunterricht an, aber das sind nur Momente. Kica spannt gekonnt den großen Bogen über Susanne F. Wolfs Dramatisierung. Anders als Karl Hartl, der in seiner Verfilmung aus dem Jahr 1948 mit Paula Wessely und Attila Hörbiger in einem versöhnlichen Nachkriegsstreifen Österreichs Historie zelebriert, lässt Wolf Lothar in seiner ganzen Härte zu Wort kommen.

© Sepp Gallauer / Theater in der Josefstadt

Gespielt wird hervorragend. Maria Köstlinger und Michael Dangl zeigen atemberaubend ein Paar, das erst im Alter, nachdem er als Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg einen Schlaganfall erleidet und die Fähigkeit zu sprechen verliert (grandios: Michael Dangl) zueinander findet. André Pohl ist eine Säule des Abends als nüchterner Onkel. Marianne Nentwich gibt die alte Tante hart und schlicht. Matthias Franz Stein macht die Figur des jungen Hermann, der zum Nazi wird, nachvollziehbar ohne plakativ zu sein. Alexander Absenger zeigte eine grandios edie Studie des jungen Erben, der um seine Identität ringt. Silvia Meisterle und Alma Hasun bringen Licht in den dunklen Abend. Xaver Hutter generiert in kurzen Auftritten als Kronprinz und Traun faszinierende Momente. Michael Schönborn komplettiert ideal in mehreren Rollen. Tolles Schauspielertheater.