Opernkritik von

Mozarts „Don Giovanni“ als Psycho-Thriller

Theater an der Wien hat Warners Inszenierung von „Don Giovanni“ wieder aufgenommen

Don Giovanni © Bild: Werner Kmetitsch

Der Brite Keith Warner inszeniert Mozarts „Don Giovanni“ nah am Psycho-Thriller und einem Quantum an schwarzem Humor, was auch den deftigen Momenten im keineswegs durchgehend noblen Librettos Lorenzo da Pontes genug Spielraum lässt. Das Konzept hat sich bereits bei der Premiere anlässlich des Mozartjahres 2006 bewährt. Dass diese Inszenierung nun im Stagione-Betrieb des Theaters an der Wien wieder zu sehen ist, kann man dem Haus nicht hoch genug veranschlagen.

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Schauplatz ist ein gehobenes Hotel namens Universal (Bühne: Michael Moxham), dessen Leuchtschrift sich am Ende in „Hölle“ verwandelt. Der Direktor ist Don Giovanni, an der Rezeption weilt dessen Diener Leporello. Im Aufzug geschieht eine Vergewaltigung, im Foyer wird ein Mord begangen, jedoch kein vorsätzlicher. Don Giovanni hat Donna Annas Vaters tödlich verwundet und entschwindet. Ein Team von stummen Kriminalisten dokumentiert den Vorfall, das Drama, Don Giovannis Höllenfahrt, hat seinen Lauf begonnen, die in einem Szenario endet, das aus einem Film von David Lynch stammen könnte. Don Giovanni und Leporello sind vom Alter ergraut, wie Donna Elvira, die ihren Geliebten noch einmal aufsucht. Ob sie es ist, die den Unhold mittels eines Stichs in den Rücken ins Jenseits befördert oder der Komtur, wie es bei Mozart steht, lässt Warner offen.

Don Giovanni
© Werner Kmetitsch

Am Ende bricht Don Giovanni wie in einem Hollywood-Schocker blutspeiend zusammen und lässt sich von der Hand des Komturs in einen Glassarg führen, der sich langsam über ihm schließt.
Dieser Schluss erzwingt gleichsam die Wiener Fassung von Mozarts Oper aus dem Jahr 1788, die mit dieser Szene endet und nicht mit dem gewohnten Schluss-Sextett. Stattdessen enthält diese Version ein prickelndes Duett („Per queste tue manine“) zwischen der Magd Zerlina – bei Warner eine Hotelangestellte – und Leporello. Zerlina ist es auch, die Warner ins Zentrum seiner Inszenierung gestellt hat. Die Braut des Hotelboys Masetto ist die einzige, die Don Giovanni Paroli bieten kann. Sie ist ihm ebenbürtig und bringt ihn zu Fall. Ihre Wut lässt sie standesgemäß an dessen Diener Leporello im genannten Duett aus und foltert ihn mit den ihr als Kosmetikerin zur Verfügung stehenden Mitteln.
Auch was die Besetzung betrifft, steht diese Zerlina im Zentrum. Mari Eriksmoen spielt und singt sich mit ihrem klaren, flexiblen und wunderbar gefärbten Sopran neben Saimir Pirgu, der kurzfristig für den erkrankten Martin Mitterrutzner als Don Ottavio eingesprungen ist, an die Spitze des Ensembles. Lyrisch, sanft phrasiert und dennoch mit dem richtigen Maß an Ausdruck erfüllt er den Tenorpart.
Nathan Gunn fällt als Don Giovanni mehr darstellerisch als sängerisch auf. Sein lyrischer Bariton verfügt über eine Palette an Farben, dennoch mutet sein stimmlicher Einsatz sehr ökonomisch an. Jonathan Lemalu singt den Leporello makellos und könnte daher weniger Zurückhaltung walten lassen.

Don Giovanni
© Werner Kmetitsch

Jane Archibald zeigt Donna Anna als eine Art Grace-Kelly-Figur, die stimmlich weitgehend überzeugt. Jennifer Larmore setzt als Donna Elvira auf schrille Töne und Hysterie. Lars Woldt ist ein glänzender Komtur, Tareq Nazimi ein tadelloser Masetto.
Ivor Bolton erzeugt mit seinem Mozarteum Orchester bombastischen Sound, der zuweilen in langgezogen wogenden Tempi sich selbst zu ersticken scheint.

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