Theaterkritik von

"Big Brother" aus
dem Retro-Schultheater

George Orwells "1984" als ödes Social-Media-Spektakel am Wiener Volkstheater

Theaterkritik - "Big Brother" aus
dem Retro-Schultheater © Bild: APA/HERBERT NEUBAUER

Mit dem „Großen Bruder“, der alle und alles überwacht, hat der britische Schriftsteller George Orwell vor siebzig Jahren eine bis heute gültige Dystopie geschaffen. Drei Machtblöcke, Ozeanien, Eurasien und Ostasien, streiten um die Weltherrschaft. In Ozeanien, Großbritannien, Amerika und im südlichen Afrika, regiert „Big Brother“. Im ehemaligen England aber regt sich Widerstand. Winston Smith und Julia formieren sich zu einem Paar, sie wollen sich der Partei, die selbständiges Denken untersagt, nicht unterordnen.

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Regisseur Hermann Schmidt-Rahner reduziert den sprachgewaltigen Klassiker der Weltliteratur auf eine zweieinhalb Stunden langeweilende Banalitäten-Show. Nichts überrascht – und das hat nichts damit zu tun, dass man Orwells Roman als Schullektüre kennt. Der Staat des „großen Bruders“, den Orwell nach dem Vorbild von Stalins Sowjetunion geschaffen hat, wird als Mixtum zwischen Trumps USA und Kim Jong-uns Nordkoreas dargestellt. So tragen alle Darsteller eine Kim Jong-un-Frisur.

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Twitter, Facebook und andere soziale Medien unterstützen den Staat bei der Überwachung. Wenig überraschend werden auf einer Leinwand kurze Ausschnitte aus Reden des passionierten Internet-Zwitscherers Trumps eingespielt. Akteure halten Emoji-Tafeln hoch und filmen einander per Live-Kamera brav nach dem Vorbild Frank Castorfs. Dass Winston Smith (Rainer Galke) und seine Julia (Katharina Klar) in einer kleiner Holzhütte, die von „Hänsel und Gretel“ entliehen scheint, zueinander finden und auch dort gefilmt werden, war von vornherein klar. Über das Niveau einer Schultheater-Aufführung, die ihre Regie-Ideen aus einer kürzlich zurückliegenden Theatervergangenheit schöpft, kommt Schmidt-Rahners Inszenierung nicht hinaus. Die wenigen Sätze, die von Orwell geblieben sind, plädieren dafür, das Original zu lesen.

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Einzig Galke und Klar widersetzen sich Schmidt-Rahner verflachender Regie und schaffen es, zumindest in wenigen Momenten ihr schauspielerisches Potenzial aufleuchten zu lassen.

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Der Rest des Ensembles wurde zu ausdruckslosen Figurendarstellern degradiert. Ohne Sinn wurde bereits bei der ersten Premiere des Hauses, „Iphigenie in Aulis/Occident Express, auf Kosten der Schauspieler, die in anderen Aufführungen gezeigt haben, dass sie darstellerisch nicht wenig vorzuweisen haben, Schauspiel durch Akrobatik und Aktionismus ersetzt, warum, ist nicht nachvollziehbar.

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