Krisenstimmung am Finanzmarkt: US- Notenbank hält Leitzins stabil bei 2 Prozent

Zentralbanken haben 150 Mrd. Euro in Markt gepumpt AIG vor Kollaps: Staatliche Hilfe nicht ausgeschlossen

Krisenstimmung am Finanzmarkt: US- Notenbank hält Leitzins stabil bei 2 Prozent © Bild: APA/DPA/Roessler

Trotz der zunehmenden Krisenstimmung hat die US-Notenbank entschieden, den Leitzinssatz bei 2,0 Prozent zu lassen. Die Fed, die Europäische Zentralbank (EZB) und die Zentralbanken in London und Tokio pumpten an einem Tag 210 Milliarden Dollar (knapp 150 Milliarden Euro) in die Märkte.

Die Fed verzichtete in ihrer Leitzinsentscheidung auf die von vielen Analysten erwartete und von vielen Investoren erhoffte Verschnaufpause und votierte gegen eine Senkung, welche die Geldbeschaffung billiger gemacht und dadurch Liquiditätsengpässe gemindert hätte. In einer Erklärung zu ihrer Entscheidung ließ die US-Notenbank verlauten, die "Spannungen" auf den Finanzmärkten hätten "erheblich zugenommen", während sich der Arbeitsmarkt in den USA weiter abgeschwächt habe. Allerdings hätte eine neuerliche Senkung die Gefahr eines weiteren Preisauftriebs verstärkt.

Seit September 2007 hatte die Fed den Leitzins in sieben Schritten um insgesamt 3,25 Punkte gesenkt, bis er Ende April den nun bestätigten Satz von 2,0 Prozent erreichte. Ein weiteres Eingreifen sei zunächst nicht sinnvoll, erklärte die Fed: "Mit der Zeit sollte die erhebliche Lockerung der Geldpolitik in Kombination mit anhaltenden Maßnahmen zur Stützung der Marktliquidität helfen, ein moderates Wirtschaftswachstum zu fördern."

AIG vor Kollaps
Der drohende Kollaps des US-Versicherungsriesen AIG hat die Furcht vor einer dramatischen Zuspitzung der internationalen Finanzkrise verschärft. Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers wuchsen die Sorgen um den Fortbestand der American International Group (AIG), deren Zusammenbruch Schockwellen rund um den Globus auslösen könnte. Die US-Regierung schloss Unterstützung zur Rettung von AIG laut US-Medienberichten nicht mehr aus.

Alle Bemühungen von AIG, vonseiten des Privatsektors Hilfe zu bekommen, seien gescheitert, berichtete der US-Sender CNBC. Staatliche Hilfen seien nun nicht mehr ausgeschlossen. Zuvor hatte der Gouverneur des Bundesstaats New York, David Paterson, gewarnt, AIG bleibe nur noch der Dienstag, um einen kurzfristigen Kredit von bis zu 80 Milliarden Dollar (rund 56 Milliarden Euro) zu beschaffen und so den Zusammenbruch zu verhindern. Zuvor hatten die Behörden von New York dem Versicherer bereits eine Sondergenehmigung erteilt, um sich 20 Milliarden Dollar zusätzliche Liquidität zu verschaffen. US-Finanzminister Henry Paulson sagte eine geplante Rede mit der Begründung ab, er wolle die Entwicklung an den Märkten genau verfolgen.

Dem "Wall Street Journal" zufolge arbeiten die Banken J.P. Morgan Chase und Goldman Sachs mit Unterstützung der US-Notenbank fieberhaft daran, für den Versicherer ein Kreditpaket von 70 bis 75 Milliarden Dollar zu schnüren. Unter Berufung auf Insider heißt es, wenn das Geld nicht bis Mittwoch aufgetrieben sei, habe AIG möglicherweise keine andere Wahl als Insolvenz anzumelden.

Drastische Folgen befürchtet
Die Konsequenzen eines Kollaps von AIG, bis vor kurzem noch der weltgrößte Versicherungskonzern, könnten Beobachtern zufolge für die Finanzwelt drastischer sein als jene der Pleite von Lehman Brothers. Die AIG-Titel stürzten in New York kurz nach Börsenstart um 70 Prozent ab, am Montag hatten sie bereits 60 Prozent eingebüßt. Mehrere Rating-Agenturen hatten die AIG-Kreditwürdigkeit herabgestuft.

Der New Yorker Dow-Jones-Index verlor nach der Zinsentscheidung zunächst mehr als hundert Punkte, drehte dann aber zwischenzeitlich sogar ins Plus; darin spiegelte sich nach Einschätzung von Analysten auch die Hoffnung wider, dass die US-Regierung AIG zu Hilfe eilen würde. In Frankfurt schloss der Leitindex Dax mit einem Minus von 1,63 Prozent bei 5965,17 Punkten - im Tagesverlauf hatte er vorübergehend mehr als drei Prozent eingebüßt. Der FTSE-100 in London stand bei Börsenschluss bei 5025,6 Punkten, ein Minus von 3,43 Prozent. Zwischenzeitlich war er um mehr als vier Prozent abgerutscht und damit auf den tiefsten Stand seit mehr als drei Jahren gefallen. Die Pariser Börse gab um 1,96 Prozent nach und schloss bei 4087,4 Zählern.

Der Wiener Leitindex ATX rutschte erstmals seit Juli 2005 unter die Marke von dreitausend Punkten. Der Index fiel vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden Finanzkrise um 6,36 Prozent auf 2.996,22 Punkte. Der ATX verlor damit noch deutlicher als die anderen europäischen Börsen: Der deutsche DAX fiel um rund 2,8 Prozent, der Euro-Stoxx-50 gab 3,4 Prozent nach. Ein Ende der Verluste ist Händlern zufolge vorerst nicht absehbar.

(apa/red)