Der Krieg in Syrien und die Medien von

Wer denkt noch
an Aleppo?

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Der Krieg in Syrien ist weitergezogen und mit ihm das Interesse der Welt.

Als Erstes stirbt in einem Krieg bekanntlich immer die Wahrheit. Für Syrien gilt das besonders, da Propaganda dank sozialer Medien und mannigfaltiger Möglichkeiten der Fälschung einfacher als je zuvor funktioniert. Wenn Machthaber Assad, wie diese Woche, erneut Giftgas eingesetzt haben soll, sind rasch Bilder der Opfer im Umlauf. Gemacht wurden sie von Weißhelmen. Das ist eine Einheit von Helfern auf Seiten der Opposition. Bloß wird der Zusatz "auf Seiten der Opposition" medial oft ausgespart. Ebenso, dass die "andere Seite" den Weißhelmen vorwirft, schon mal Bilder manipuliert zu haben, und dass einige von ihnen zuvor auf Seiten der Islamisten gekämpft haben sollen. Aufgabe der Medien wäre es, die unklare Informationslage kenntlich zu machen, nachzurecherchieren, eigene Zweifel nicht wegzuwischen, sondern zu sagen, was ist. Es ist keine Schande, zuzugeben, dass man sich nicht sicher ist. Verwerflicher wird es, wider besseres Wissen in fast kindlicher Manier ein Schwarz-Weiß-Bild zu zeichnen. Hier die "guten" Rebellen, dort der "böse" Assad. Klar, keiner, der nicht bezahlter Agent oder Propagandist ist, will für einen ruchlosen Herrscher Partei ergreifen. Muss er auch nicht. Dessen Gegnern aber einen Persilschein auszustellen, verletzt genauso das journalistische Ethos.

Etwa in Aleppo, Syriens größter Stadt, die vor gut einem Jahr noch täglich die Berichterstattung bestimmte. Die Erzählung damals war simpel gestrickt. Der böse Diktator kesselt die guten Rebellen ein. Dass es sich dabei meist um vom Ausland finanzierte Islamisten handelte, die in den von ihnen eroberten Teilen der Stadt selbst ein brutales Regime errichtet hatten, erfuhren Interessierte erst in Nebensätzen. Dass sie von Aleppos Bewohnern kaum Unterstützung erhielten, sich in deren Häusern verschanzten, Nahrungslieferungen blockierten und sie so zu ihren Geiseln machten, blieb ausgespart. Erst als vieles offensichtlich war, drehten manche den Spieß um. "Die Islamisten sind Aleppos letzte Hoffnung", titelte ein deutsches Nachrichtenmagazin dann gar online. Als auch das nicht mehr klappte und seit die Assad-Truppen mit Hilfe der Russen den von Islamisten gehaltenen Teil der Stadt zurückerobert haben, herrscht Stille. Oder wann haben Sie zuletzt von Aleppo gehört?

Dass in der Stadt die christliche Minderheit erstmals wieder Weihnachten feiern konnte, nun Bewohner die Schreckensherrschaft der Rebellen schildern und 200.000 Flüchtlinge nach Aleppo zurückgekehrt sind, gilt heute fast schon als Insiderwissen. Der Krieg in Syrien ist weitergezogen und mit ihm das Interesse der Welt. Dabei braucht es gerade jetzt ehrliche, unvoreingenommene Späher, denn Propagandisten gibt es bereits genug.

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lehermayr.christoph@news.at

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