Krebs von

Leben mit Krebs

Medizinjournalist Kurt Langbein über sein Buch – und was die Diagnose Krebs verändert

Krebs - Leben mit Krebs © Bild: Katharina Stögmüller

Sprachlosigkeit und Angst beherrschten ihn unmittelbar nach der Diagnose. Dann wollte er sein Leid in die Welt hinausschreien. Doch bei wem ausreden, wenn man die Liebsten nicht belasten will. So schrieb Kurt Langbein ein Buch: In "Radieschen von oben" schildert er das Leben mit Krebs.

NEWS: Sie haben vor drei Jahren die Diagnose Krebs erhalten. Was hat Sie veranlasst, ein Buch über diesen Schicksalsschlag zu schreiben?
Kurt Langbein: Ich habe mich die letzten 30 Jahre als Wissenschaftsjournalist viel mit Krebs beschäftigt – und hatte den Eindruck, dass ich weiß, worum es geht. Schlussendlich war ich über das Ausmaß an Emotionen und Sprachlosigkeit, die diese Diagnose begleiten, überrascht. Man kann ja mit niemandem darüber sprechen. Denn die Liebsten will man nicht belasten, zumal man die Angst in ihren Augen sieht. Ich habe deshalb begonnen, Tagebuch zu schreiben, für meine Gefühle Worte zu finden, und schließlich hat sich daraus das Buch ergeben.

NEWS: Ist die Sprachlosigkeit anfangs das größte Problem?
Langbein: Wie viele Krebspatienten hatte auch ich das Bedürfnis, alles, was nicht gesagt werden kann, rauszuschreien. Denn diese Erkrankung ist immer noch ein Tabu. Die Diagnose Krebs ist generell etwas Unheimliches: Da beginnt ein Teil deines Körpers auf eine Art zu wachsen, die den anderen, gesunden gefährdet. Hinzu kommt, dass die Krankheit auch den Freundeskreis verändert. Manche gute Freunde haben sich regelrecht von mir abgewandt.

NEWS: Aus Angst vor der eigenen Sterblichkeit?
Langbein: Ja. Aber man kann niemandem böse sein. Es ist sehr schwer, das Tabu zu überwinden, weil die Angst jener, die einem am nächsten stehen, groß ist. Wichtig ist, einen offenen Dialog zu finden, der sich mit dem Sterben auseinandersetzt. Für mich war das Schlüsselerlebnis, als ich mit meiner Frau ein Zimmer umgestaltet habe. Ich stellte mir vor, dass ich dort einmal liegen würde, wenn es so weit ist. Meine Frau hat diesen Gedanken aufgegriffen und ganz ruhig gemeint, dass wir dafür noch Zeit haben und dann ein Pflegebett in das Zimmer stellen werden. Das war für mich wie ein seelischer Anker. Sobald man die Krankheit ansehen und sagen kann, dass man überleben, den Krebs besiegen will, aber gleichzeitig auch bereit ist, den Tod anzunehmen, geht es einem besser.

NEWS: Wie hat sich Ihr Leben durch die Krankheit verändert?
Langbein: Ich habe gelernt, mit meinen Gefühlen, auch mit jenen, die ich früher weggeschoben habe, freundlicher umzugehen. Mein Leben ist intensiver, ich bin anderen gegenüber aufmerksamer. Auch habe ich wieder zum Sport zurückgefunden. Ich gehe jetzt laufen, spiele Tennis, mache Skitouren und gehe mit meiner Frau tanzen. Lange Zeit war ich auf meinen Körper, der mich so im Stich gelassen hat, sehr beleidigt. Dieser Zustand hat sich nur langsam und Schritt für Schritt geändert.

NEWS: Sie sind selber in psychoonkologischer Betreuung. Ist das Angebot in Österreich ausreichend?
Langbein: Hier besteht nach wie vor ein großer Mangel. Jeder Krebspatient müsste einen psychoonkologisch geschulten Berater haben, der ihn betreut. Da geht es um wichtige Fragen, wie man die Therapie begleiten kann, welche Ressourcen man braucht, um das alles gut zu überstehen – und um die Selbstheilungskräfte wieder zu aktivieren. Konventionelle Therapie kann den Tumor zerstören. Aber die gesamte Verfassung des Betroffenen entscheidet darüber, ob danach, in der quälenden Zeit der Quartalsuntersuchungen, Krebs wieder entsteht. Das Wichtigste: dass man den Patienten vermittelt, dass sie niemals allein sind.

In "Radieschen von Oben" schreibt Kurt Langbein über das Leben mit Krebs. Erschienen bei Ecowin, 216 Seiten, 21 Euro.