Erklärungsversuch von

Seit wann bringt der Storch die Babys?

Wolfgang Kralicek © Bild: News

Der Weißstorch ist in unseren Breiten seit einiger Zeit erstaunlich zahlreich anzutreffen. Und zwar ganzjährig, auch dann, wenn er eigentlich längst schon wieder gen Süden entfleucht sein müsste. Die Rede ist hier aber nicht von dem großen Zugvogel selbst, der seine Sommer gern auf unseren Schornsteinen verbringt, sondern von den hölzernen Storchattrappen in den Vorgärten, mit denen die Geburt eines Kindes angezeigt wird. Schwer zu sagen, wann dieser Brauch in Mode kam. Sicher ist, dass in den letzten Jahren ganze Schwärme von Holzstörchen im Land eingefallen sind. Die naheliegende Erklärung für den Boom wäre, dass in Österreich eben mehr Kinder als früher auf die Welt kommen. Aber obwohl die Geburtenrate zuletzt leicht ansteigend war, kann davon insgesamt keine Rede sein.

Kinder kommen nicht von Vögeln, das wissen heute schon Zweijährige. Trotzdem wird mit dem Storch nun wieder auf die lachhafte Legende zurückgegriffen, mit der man kleinen Kindern in prüderen Zeiten erklärt hat, warum sie auf einmal ein Geschwister haben. Der Storch vor dem Einfamilienhaus infantilisiert den Geburtsvorgang, und er symbolisiert die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach einem Leben wie im Märchen.

Viel stärker als die Geburtenzahlen steigt das Bedürfnis, eine Geburt öffentlich sichtbar zu machen. Auch das passt in eine Zeit, in der die Menschen ja überhaupt allen alles sagen wollen. Der Holzstorch ist Social Media in Analog. Irgendwann war es den stolzen Jungeltern offenbar nicht mehr genug, einfach einen „Baby an Bord“-Sticker ans Heck ihres Autos zu kleben.

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