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Kosmetik-Chemikalien:
Österreich macht Druck auf die EU

Hormonell wirksame Chemikalien: EU-Kommission ist säumig, Österreich fordert Taten

Fakten - Kosmetik-Chemikalien:
Österreich macht Druck auf die EU © Bild: © Corbis. All Rights Reserved.

Sie gehören zu den umstrittensten Chemikalien, was Kosmetikartikel anbelangt: sogenannte potenzielle "endokrine Disruptoren". Das sind Stoffe, die im Verdacht stehen, im Körper ähnlich wie Hormone zu wirken. Gerät das Hormonsystem durcheinander, kann das schwerwiegende Folgen haben. Und dennoch ist die EU-Kommission seit über einem Jahr damit säumig, die bestehende Kosmetikverordnung hinsichtlich derartiger Stoffe zu überprüfen.

"Leider ist die Europäische Kommission ihrer Verpflichtung nicht nachgekommen, entsprechende gesetzliche Regelungen zum Schutz der Gesundheit der Konsumenten zu schaffen", heißt es dazu aus dem österreichischen Gesundheitsministerium. Ministerin Sabine Oberhauser erklärt per Aussendung: "Ich fordere den zuständigen Kommissar mit Nachdruck auf, noch dieses Jahr einen konkreten Vorschlag für eine Änderung der EU-Kosmetikverordnung vorzulegen. Unabhängig davon unterstütze ich die Bemühungen von Kosmetikunternehmern, freiwillig auf die Verwendung von Stoffen zu verzichten, die möglicherweise endokrin wirksam sind. Solche Unternehmer sollen die Möglichkeit haben, ihre Produkte entsprechend zu kennzeichnen." Die Gesundheitsministerin hat laut Aussendung einen entsprechenden Brief an den zuständigen EU-Kommissar geschickt.

Helmut Burtscher, Chefchemiker der Umweltorganisation Global 2000, wirft der EU-Kommission vor, mit ihrer Säumigkeit die Regulierung der umstrittenen Chemikalien zu verzögern. Für Burtscher ist klar, dass ausreichend Hinweise vorliegen, um vorsorglich auf den Einsatz dieser Substanzen zu verzichten.

Diese finden sich in zahlreichen Zahncremes, Bodylotions und Aftershaves. Global 2000 hat in einem groß angelegten Kosmetik-Check 531 in Österreich erhältliche Produkte unter die Lupe genommen. Ausgewertet wurden die Inhaltsstoffe, die auf der Verpackung angegeben sind. Das Resultat: Laut Global 2000 enthalten rund 11 Prozent der untersuchten Zahnpasten, 21 Prozent der Bodylotions und 40 Prozent der Rasierwässer hormonell wirksame Chemikalien.

Hier finden Sie die Ergebnislisten mit sämtlichen Produkten:
Liste Bodylotions
Liste Zahnpasten
Liste Aftershaves

Bei vielen der umstrittenen Substanzen handelt es sich um sogenannte Parabane, die als Konservierungsmittel zum Einsatz kommen, und um UV-Filter wie Ethylhexyl Methoxycinnamate. Die betroffenen Herstellerfirmen betonen, dass der Einsatz der Chemikalien in den verwendeten Konzentrationen erlaubt und ungefährlich sei. Sie verweisen dabei unter anderem auf Studien diverser Beratergremien der EU-Kommission.

Tatsächlich hat die EU allerdings in den vergangenen Jahren den Einsatz einzelner dieser Substanzen weiter eingeschränkt. Kritisch sieht deren Verwendung auch Andreas Lischka, jahrelanger Leiter der Kinderklinik Glanzing im Wiener Wilhelminenspital und Experte für hormonell schädliche Chemikalien: Es habe sich "eindeutig erhärtet", dass hormonell wirksame Chemikalien im gesamten Lebensverlauf schädlich sein können, vor allem aber bei Kleinkindern, bei Schwangeren und in der Pubertät. "Für mich als Arzt haben Stoffe, die im Verdacht stehen, solche Wirkungen zu haben, in Kosmetikprodukten nichts verloren." Lischka meint: "Die EU muss dafür sorgen, dass derartige Substanzen nicht mehr in Kosmetikprodukten verwendet werden. Ich empfinde es als Skandal, dass die EU-Kommission diesbezüglich säumig ist."

In Österreich hat seit einem ersten Kosmetik-Check von Global 2000 vor zwei Jahren ein gewisses Umdenken eingesetzt. Die Handelsriesen Rewe (Billa, Adeg, Merkur, Penny und Bipa), Spar und Hofer haben Chemikalien, die im Verdacht stehen, hormonell Wirksam zu sein, aus ihren Eigenmarken verbannt.

Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien rät Konsumenten zu einem "maßvollen und kritischen" Umgang. Man könne sich nicht zurücklehnen und sagen, dass ohnehin nur eine kleine Dosis zum Einsatz kommt, meint Hutter. Über den Tag verteilt würden schließlich oft mehrere Produkte verwendet.

So können Sie sich schützen

Tipps von Global 2000:

  • Naturkosmetik kaufen: Zertifizierte Naturkosmetik darf keine hormonell wirksamen Chemikalien enthalten.
  • Eigenmarken verwenden: Die Körperpflege-Eigenmarken von Rewe, Hofer und Spar sind frei von hormonell wirksamen Chemikalien.
  • Handy-App: Die App "Toxfox" ermöglicht, durch das Scannen des Strichcodes herauszufinden, ob derartige Chemikalien enthalten sind.
  • "Hormon-Lupe": Global 2000 und Stadt Wien haben einen Kosmetikratgeber erstellt.

Kommentare

Hallo! Jemand zu Hause? Wie wäre es mit Eigeninitiative? Wenn hormonell wirksame Stoffe in Ö verboten werden, werden die Erzeuger sich schon drauf einstellen. Aber erst mal muss ihnen jemand auf die Zehen steigen, von sich aus werden die nicht aktiv.

Übrigens sind leider auch im Hopfen Phyto-Östrogene enthalten.

Gejammere
"Leider ist die Europäische Kommission ihrer Verpflichtung nicht nachgekommen, entsprechende gesetzliche Regelungen zum Schutz der Gesundheit der Konsumenten zu schaffen" und die Industrie anbetteln. Hat der Staat Ö. keine eigenen Mechanismen um Ordnung zu halten? Warum bleiben die im Schrank?

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