Kontrapunkt von

1968 als
Zeitenwende

Gerfried Sperl © Bild: News

Gegner der Ära von zirka 1964 bis zirka 1974 behaupten, 1968 sei gescheitert. Das stimmt, wenn man die Erreichung der Ziele bloß am Ehrgeiz der Anführer misst.

Am 1. Mai konnte man auf 3sat stundenlang die Rolling Stones und Mick Jagger erleben. "Street Fighting Man", der 68er-Song, erreichte ja damals binnen wenigen Monaten mehr Menschen als die 1888 komponierte "Internationale" der Arbeiterbewegung binnen Jahrzehnten. Eine Revolution, eine Zeitenwende. Gegner der Ära von zirka 1964 bis zirka 1974 behaupten, 1968 sei gescheitert. Das stimmt, wenn man die Erreichung der Ziele bloß am Ehrgeiz der Anführer misst. Betrachtet man das Phänomen in seiner ganzen gesellschaftlichen und geografischen Breite, dann lautet der Befund: "1968" verlor zwar, aber viel von seiner prägenden Kraft blieb. So massiv immerhin, dass FPÖ-Innenminister Herbert Kickl das Regierungsprogramm von Türkis-Blau als "Gegenkonzept" zu den 68ern betrachtet.

In der unmittelbaren gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung wurde die 68er-Bewegung durch die Wahlsiege von Margaret Thatcher 1979 in Großbritannien und Ronald Reagan 1981 in den USA besiegt. Was später "Neoliberalismus" genannt wurde, war ein Konzept, das 1. die Macht der Gewerkschaften brach, 2. die Mitbestimmung an den Universitäten weitgehend eliminierte und 3. die Öffnung der privaten Beziehungen (Homosexualität, Ehe, Geschlechtsverkehr) wieder zu schließen trachtete.

Der Mai 1968 war das symbolträchtigste Datum der 68er-Rebellion. Denn in Paris, wo Daniel Cohn-Bendit die Massen anführte, wurde durch den sonst fast nirgends erreichten Zusammenschluss von Studenten und Arbeitern (Massenstreiks bei Renault) beinahe die Regierung gestürzt. Nur Charles de Gaulles Militäreinsatz rettete die Republik. In Berlin, wo der katholische Revolutionär Rudi Dutschke bereits niedergestreckt war, blieben die Unruhen zwar isoliert, aber zum Unterschied von Frankreich bildete sich eine extrem gewaltbereite und terroristische APO (außerparlamentarische Opposition) heraus, die das Land an den Rand eines Polizeistaats trieb. In den USA entwickelte sich eine Gegenkultur (Stichworte Hippies, Woodstock, Black Panthers, Anti-Kriegs-Bewegung), die Amerika für europäische Studenten erst so richtig attraktiv machte -und umgekehrt Amerikaner nach Europa lockte. Ein Beispiel: Die schwarze, heute 73-jährige Angela Davis, die ihrem Doktorvater Herbert Marcuse nach Frankfurt folgte.

Tatsächlich gehört Mick Jagger zu den wichtigsten 68ern, ebenso wie der bei uns kaum bekannte, heute 75-jährige Tariq Ali, Hauptfigur in "Street Fighting Man" und Co-Autor von John Lennons "Revolution". Er organisierte bereits in seiner Heimat, Pakistan, Studentenstreiks, ging dann zum Studium nach Oxford und wurde eine Figur der neuen Internationale, die auch heute noch ohne Krawatte, ohne weiße Hemden und genagelte Schuhe auftritt. Gewendete wie Joschka Fischer oder Tony Blair kehrten zum Kanon jener Generation zurück, die sie einst bekämpften.

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