Kontrapunkt von

Die Wiederkehr
der Cäsaren

Gerfried Sperl © Bild: News

Im Grunde sind Diktatur und Cäsarismus dasselbe. Der feine politologische Unterschied ist höchstens, dass sich Cäsaren über Wahlen zu Diktatoren aufschwingen.

Wenn sich Jahre mit einem Achter einstellen, sind Jubiläen angesagt. Karl Marx wird gerade gefeiert, wegen des "Kommunistischen Manifests" 1848. Die Rebellion der 68er wird wieder einmal analysiert und diskutiert. Vor hundert Jahren, zum Kriegsende 1918, ist der erste Band des in über 70 Auflagen erschienenen Werkes "Der Untergang des Abendlandes" publiziert worden. Der Autor: Oswald Spengler. Das Buch wurde zur Bibel der nationalen Rechten. Spenglers Bemerkung, einen Goethe werde Deutschland nicht wieder erleben, aber einen Caesar, wurde zum geflügelten Satz -angesichts von Adolf Hitlers späterer Diktatur.

Im Grunde sind Diktatur und Cäsarismus dasselbe. Der feine politologische Unterschied ist höchstens, dass sich Cäsaren über Wahlen zu Diktatoren aufschwingen. Hitler ist zu einem der grausamsten Herrscher der Weltgeschichte geworden. Spengler, ein ausgewiesener Faschist, misstraute Hitler, blieb sein Leben lang aber ein Fan von Benito Mussolini, der milderen Version. Deren Verortung in den Traditionen der römischen Antike lässt den deutschen Privatgelehrten immer noch aktuell erscheinen.

"In Deutschland ist der Begriff des Abendlandes zurückgekehrt, als Trotzund Abwehrort gegenüber dem Islam", schreibt Dirk Kurbjuweit in einer mehrseitigen Rezension in "Der Spiegel" Nr. 15/2018. Den Verlust dieses Abendlandes betrauert Spengler, obwohl damals die Kriege in Nahost noch keine Flüchtlingsströme provozierten. Die Renaissance des Monumentalwerkes hat vor allem damit zu tun, dass die politische Rechte, repräsentiert durch die AfD, die deutsche Seele untergehen sieht. Kurbjuweit fixiert sich vor allem auf Spenglers Prophezeiung, dass "auf die Demokratie der Cäsarismus folgt, die autoritäre Herrschaft eines Einzelnen". Er nennt Putin, Xi Jinping, Erdoğan und Trump -und nicht erst seit seinem dritten Wahltriumph ist in diese Reihe auch Viktor Orbán zu stellen.

Ähnlich wie der "Spiegel"-Autor geht der Grazer Philosoph Peter Strasser in seinem Buch "Spenglers Visionen"(Braumüller, 2018) zu Werke. Er weist kritisch darauf hin, dass mit dem Wort "Untergang" vermieden wurde und wird, dass damit der Niedergang der deutschen Rasse umschrieben wird. Oder dass Spengler die deutsche Kriegslüsternheit mit einem "Hang zum Faustischen" kaschiert. Die epochale Niederlage von 1918 bedurfte einer Erklärung.

Auch Strasser widmet sich dem "Cäsarismus" - die "geschichtsnotwendige Herausbildung des Faschismus" (Zitat Spengler) mit einem Alleinherrscher an der Spitze. Unter dem Eindruck der Weimarer Republik gibt Spengler im zweiten, 1922 erschienenen Band der Demokratie keine Chancen -das heutige Zerreden ist ein gefährlicher Nachhall. Für Strasser gibt es keine Alternative zu den Parteien. Sie tradierten, als Ergebnis der bisherigen Zivilisation, den "Hotspot Abendland".

Was meinen Sie?
Schreiben Sie mir bitte: sperl.gerfried@news.at

Kommentare