Kontrapunkt von

Die Welt
des Autokraten

Gerfried Sperl © Bild: News

Donald Trump liebt den Augenblick, das historische Momentum, multilaterale Tragfähigkeit ist ihm gleichgültig.

Nach dem Gipfeltreffen in Singapur zeigen sich Umrisse einer neuen Welt (un) ordnung. Donald Trump, der kindliche Egomane, hat am Wochenende das G7-Treffen in Kanada platzen lassen, um am Dienstag in Singapur Face-to-Face-Abmachungen mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un zu feiern. Er liebt den Augenblick, das historische Momentum, multilaterale Tragfähigkeit ist ihm gleichgültig.

Er mag keine Gruppenmeetings, er mag keine Allianzen, außer solche, die mit ihm höchst persönlich abgeschlossen wurden. Deshalb mag der US-Präsident auch die UNO nicht, die NATO nur bedingt, die EU schon gar nicht. Da müsste er Kompromisse schließen, sich gar unterordnen. Da findet er (mit Hilfe seiner Rechercheure) Diskriminierungen bei den Zöllen, Ungleichheiten bei Preisen, Bevorzugungen dort, Benachteiligungen hier. Manches stimmt sogar, aber darum geht es nicht. Trump sucht und braucht Gründe für Attacken.

Er hat Emmanuel Macron in Washington pompös empfangen, weil er und seine Mitstreiter dachten, sie würden ihn aus der EU herauslösen und etwas Bilaterales ausmachen können. Denn Franzosen sind dem Prunk nicht abhold, aber der junge Präsident durchschaute die Washingtoner Optik. Angela Merkel, von der er wusste, dass sie mit der EU noch solidarischer ist als Macron, empfing er bloß zu einer Art Armenessen. Der Protestantin war das wurscht, ihr scheint Trump sogar körperlich unangenehm zu sein. Sie ist den Franzosen und Briten auch emotional näher als den Amerikanern.

Schon am Beginn des G7-Treffens in Kanada bedauerte Trump, dass Wladimir Putin nicht Teil der Gespräche war. Am liebsten hätte er ja nur mit ihm verhandelt, was nun nach Putins Vorstellung irgendwann im Nachsommer in Wien über die Bühne gehen soll.

Also wieder ein Face-to-Face-Event, mitten in den Abläufen der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft. Und womöglich mit Handschlag in der Hofburg. Genau das könnte dem Amerikaner schmecken: die Europäer zu überstrahlen und sie am Ort der Präsidentschaft wieder einmal zu attackieren - wegen der Zölle, wegen der geringeren NATO-Beiträge. Gut vorstellbar, dass Trump seinem Gegenüber aus Moskau eine Art bilateralen Friedensvertrag vorschlägt. Für Putin kein Leichtes, müsste er doch im Gegenzug Trump dazu zwingen, den Atom-Deal mit dem Iran wieder in Kraft zu setzen.

Fehlte nur noch ein persönlich besiegelter Pakt mit Chinas Präsidenten Xi Jinping. Und aus der Sicht Recep Tayyip Erdoğans einer mit ihm. Vermutlich wäre das die schwerste Übung -denn da ginge es um den Islam, für den der Türke nur rhetorisch, nicht faktisch zuständig ist.

Für den Autokraten Trump ist das keine Hexerei. In seiner geliehenen Machtfülle entscheidet er heute so, morgen wieder anders.

Die übrige Welt muss damit leben.

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