Kontrapunkt von

Nur eine Stunde
bis zur Mafia

Gerfried Sperl © Bild: News

Die Mafia im östlichen Nachbarstaat hat ihren Ursprung in einem Zusammenspiel von lokalen Oligarchen.

Eine "Mafia" war es ziemlich sicher, die den Mord am slowakischen Aufdecker-Journalisten Ján Kuciak und dessen Verlobter in der Nähe von Bratislava zu verantworten hat. Doch welche? Vorschnell wurden Kugeln Richtung 'Ndrangheta gerollt, der kalabresischen Mafia, die sich laut Nicola Gratteri, einem süditalienischen Staatsanwalt, nicht nur in Deutschland festgesetzt habe, sondern auch in der Slowakei, in der Ukraine und in Ungarn seit Jahren "verwurzelt" sei. In Österreich fiel sie 2015 durch die Beschlagnahme der Luxusvilla eines ihrer Bosse in Baden bei Wien auf.

In den Berichten über den Mord, der die EU veranlasst hat, sogar eine Delegation nach Bratislava zu schicken, wird wenig hinterfragt. Der Hinweis, Kuciak habe auch Richtung 'Ndrangheta recherchiert, reicht nicht. Im Unterschied zur sizilianischen Mafia hat die kalabresische bisher keine Journalisten ermordet -sie killt intern, 2007 zum Beispiel sieben ihrer Mitglieder in Duisburg.

Eindeutig dichter sind die Hinweise auf eine Täterschaft der slowakischen Mafia, die seit den 90er-Jahren durch Sprengstoff-und Schuss-Attentate Behörden und Medien beschäftigt hat. In der ORF-Sendung "Thema" hat am vergangenen Montagabend eine Recherche-Kollegin Kuciaks auf Drohanrufe gegen sie und den Ermordeten aufmerksam gemacht.

Die Mafia im östlichen Nachbarstaat hat ihren Ursprung in einem Zusammenspiel von lokalen Oligarchen, die durch die Privatisierung großer Rüstungsfirmen reich geworden sind, sowie von Exponenten des Geheimdienstes. Sie genossen den Schutz des nationalistischen Premiers Vladimír Mečiar (der mit Unterbrechungen 1991 bis 1998 regierte). Bis heute ungeklärt ist die im August 1995 inszenierte Entführung des Sohnes des damaligen Staatspräsidenten Michal Kováčs nach Wien. Fakt ist nur, dass der "Kidnapper" Róbert Remiáš im Jahre 1998 von einem Berufskiller namens Jozef Roháč in seinem Auto in die Luft gesprengt wurde. Roháč lebt nach Haftstrafen bis heute in Ungarn, 2010 erschien sogar ein Buch über ihn, weil er für mehrere Morde verantwortlich gemacht wird.

Die von Kuciak hinterlassenen Texte legen nahe, dass es Hinweise auf Mafia-Spuren bis in die Büros von Ministerpräsident Robert Fico und Innenminister Robert Kaliňák gibt. Das Bekanntwerden der Tatsache, dass Ficos Assistentin Mária Trošková, ein Ex-Model, zuvor für italienische Unternehmer gearbeitet hat, reichte als Begründung für ihren Rücktritt. Verdächtige aus diesem Personenkreis wurden festgenommen, aber bald wieder freigelassen.

Wenn man die Geschichte der slowakischen Mafia-Verwicklungen betrachtet, liegt nahe, dass man die Schuldigen so bald nicht finden wird.

Was bleibt, sind die Bedrohung der Pressefreiheit und der Druck auf Journalisten. All das nur eine Autostunde von Wien entfernt.

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sperl.gerfried@news.at

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