Kontrapunkt von

Erdogan redet
wie ein IS-Kalif

Kontrapunkt - Erdogan redet
wie ein IS-Kalif © Bild: APA/AFP

Recep Tayyip Erdogan, der türkische Präsident, wird immer radikaler. Man weiß, dass der Islam gerne mit Bildern illustriert, was gemeint ist. Aber zum ersten Jahrestag des Putschversuchs gegen den Allmächtigen in Kleinasien hat er durchgedreht. "Wir werden den Putschisten die Köpfe abreißen", rief er im Parlament, das zumindest formal immer noch der europäischen politischen Ordnung folgt.

Die Köpfe abreißen? Das ist nicht einmal mehr die Diktion eines gemäßigten Islam. Das ist die Sprache des in Mossul ausgerufenen Kalifats des Islamischen Staats (IS).

Indem Erdogan sich auf das selbst im Islam umstrittene Kampfniveau das IS begibt, bricht er nicht nur mit der politischen Tradition Europas, sondern gleichzeitig mit der des gemäßigten Islam, der selbst im Iran auf dem Vormarsch ist. Die Türkei hat - noch - eine demokratische Fassade. Die Einführung der Todesstrafe würde dem Regime die Möglichkeit geben, mit ihren Gegnern abzurechnen und die herrschende Angst noch zu steigern.

Die EU-Kommission in Brüssel wirkt nach aussenhin gelassen. Aber wie reagiert sie im Ernstfall? Zum Beispiel, wenn Erdogan die Initiatoren des Friedensmarsches der Opposition von Ankara nach Istanbul zu "Terroristen" erklärt. Und damit die "andere Türkei" zu Staatsfeinden? Langsam wird der riesige Staat zwischen Europa und Asien zum Krisenfall.

Krisenmanagament aber ist nicht mit Vorurteilen zu betreiben. Oder mit Haudrauf-Parolen. Eine handfeste Krise in einem Staat, der wirtschaftlich und kulturell mit Europa verflochten ist, darf nicht den Populisten Vorteile verschaffen.

Gerfried Sperl
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Zum Autor: Gerfried Sperl ist Kolumnist für News. Was meinen Sie zum Thema? Schreiben Sie ihm unter sperl.gerfried@news.at