Konflikt um Staatsopern-"Ring": Regisseur Bechtolf erwägt nun, Namen zurückzuziehen

NEWS: Will massive Umbesetzungen nicht hinnehmen 'Holender und ich sind da wirklich in heftigem Dissens'

Konflikt um Staatsopern-"Ring": Regisseur Bechtolf erwägt nun, Namen zurückzuziehen © Bild: APA/Fohringer

Um die Wiederaufnahme von Wagners „Ring des Nibelungen“ im Herbstprogramm der Wiener Staatsoper ist ein Konflikt mit dem Regisseur Sven-Eric Bechtolf entstanden. Bechtolf erwägt, seinen Namen zurückzuziehen. Das berichtet NEWS in seiner aktuellen Ausgabe. Bechtolf will massive Umbesetzungen in Rollen, die für die Inszenierung zentral wichtig sind – Loge, Mime, Hagen – nicht hinnehmen.

„Holender und ich sind da wirklich in heftigem Dissens. Ich bin kein Streithammel, ich mag ihn sogar. Aber wenn das im November so schrecklich wird, dass ich es nicht wiedererkenne, dann muss ich ihm sagen: ,Das ist noch einmal unter meinem Namen gelaufen, aber ab jetzt nie wieder.‘ Man muss als Opernregisseur wissen, dass man nicht immer die gleiche Besetzung haben kann, sonst ist man ein Träumer. Aber zumindest einige Grundbedingungen muss ein Haus gewährleisten. Zu wenige Proben und dann auch noch Sänger, die falsch besetzt sind oder überflüssigerweise umbesetzt wurden, ohne mit mir überhaupt zu sprechen – das geht nicht. Ich denke nicht daran, die neuen Sänger generell zu bewerten, aber meine Inszenierung geht eben sehr stark
vom Schauspielerischen aus. Da bin ich recht sorgenvoll.“

Raimund und Nestroy in Salzburg
Bechtolf spricht im NEWS-Interview auch ausführlich über seine künftige Tätigkeit in Salzburg. Als präferierte österreichische Autoren nennt er u. a. Raimund und Nestroy. „Aber ich könnte mir vorstellen, das mit einem Regisseur zu machen, der nicht von hier kommt, sondern von einem vollkommen anderen, nicht einmal europäischen Theaterverständnis.“

Bechtolf will fünf Stückaufträge an Österreicher vergeben, Arrivierte wie Handke und Jelinek haben für ihn keine Priorität. „Die hatten früher ihre Förderer, jetzt müssen sie nicht mehr durchgesetzt werden. Ich werde jedes Jahr einen noch jungen Autor spielen oder Leute, die wie Kappacher jahrzehntelang nicht zur Kenntnis genommen worden sind. Jelinek hat den Literaturnobelpreis bekommen. Den muss sie nicht noch mal in Salzburg erhalten.“
Den „Jedermann“ will er eventuell neu inszenieren lassen, aber jedenfalls nur mit dem neuen Paar Ofczarek – Minichmayr. Er könnte sich dabei vorstellen, Max Reinhardts Inszenierung aus dem Jahr 1920 zu rekonstruieren. „Wenn die derzeitige Aufführung in einem lebendigen Zustand ist, werde ich sie so weiter übernehmen. Wenn die Produktion nicht mehr vital ist, muss man das neu machen – und zwar mit den beiden. Ich kann mir im Augenblick keine bessere Besetzung vorstellen. Die können das noch 20 Jahre spielen.“ Würde er am Ende selbst inszenieren? „Nein. Aber ich glaube, dass man damit noch viel anstellen kann. Man muss keine neue ,Interpretation‘ entwickeln, es braucht einen ästhetisch-künstlerischen Mehrwert. Wenn da Autos vorführen und geknechtete Arbeiter aufträten, wäre das – in Salzburg – zynisch. Sogar der Gedanke, es komplett in den Reinhardt’schen
Originalzustand zurückzuführen, hätte etwas für sich.“

Scharf kritisiert Bechtolf die aktuellen Schimpfkanonaden gegen die Festspiele (Kusej, Bachler, Streeruwitz): „Das ist ein seltsamer Unfug. Auf Kollegen zu schimpfen oder ununterbrochen Verhältnisse anzuklagen ist kostenfrei und wirklich das dämlichste Spiel unter denen, die wir neuerdings glauben spielen zu müssen. Dass Reinhardt etwa dem Austro­faschismus den Weg geebnet habe … Du lieber Gott! Ich bin seit vielen Jahren bei den Salzburger Festspielen – die Bussi-Bussis stehen zu den anderen in einem Verhältnis von 5:95. Abgesehen davon: Jeder, der neugierig nach Salzburg kommt, ist willkommen. Ich stelle mich doch nicht hin und beflegle das Publikum!“

Lesen Sie mehr über den Zwist mit der Oper in NEWS 33/09!

Kommentare

Primadonneriche Der Zickenkrieg zwischen Holender und Bechtolf ist lächerlich, denn es kann einem Regisseur natürlich nicht gleichgültig sein, wer in seiner Inszenierung singt. Andererseits hat Herr Bechtolf in seiner "Arabella"- Inszenierung unmögliche Umbesetzungen (Kushpler als Adelaide) widerspruchlos hingenommen, während er jetzt gegen Salminen als Hagen protestiert- die derzeit weltbeste Besetzung die sicher eine interessante Alternative zu Halfvarson sein wird.

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