Kommentar von

Sprengsatz
Kurdistan

Kommentar - Sprengsatz
Kurdistan © Bild: AHMAD AL-RUBAYE / AFP

Wenn die fünf Millionen Kurden im Irak heute über ihre Unabhängigkeit abstimmen, hat das weitreichende Folgen für den gesamten Nahen Osten.

Wenn die fünf Millionen Kurden im Irak heute über ihre Unabhängigkeit abstimmen, hat das weitreichende Folgen für den gesamten Nahen Osten. Um das zu verstehen, muss man in der Geschichte zurückblicken, denn der Traum vom freien Kurdistan ist alt. Schon nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches wurde den Kurden im Jahr 1920 ein eigener Staat versprochen. Doch daraus wurde nichts, die Kurden waren, wie noch so oft in den folgenden Jahrzehnten, ein Spielball geopolitischer Interessen. Ihre Siedlungsgebiete wurden unter der Türkei, dem Irak, Iran und Syrien aufgeteilt. Heute sind sie mit dreißig Millionen Menschen das weltweit größte Volk ohne eigenen Staat.

Entsprechend nervös blickt man in der gesamten Region nun in Iraks Norden. Die dortigen Kurden haben sich im Kampf gegen den IS verdient gemacht, dafür einen hohen Blutzoll bezahlt und so ihr Einflussgebiet drastisch erweitert. Dass sie jetzt mehr als nur eine Autonomie im Irak wollen, ist vor diesem Hintergrund so klar wie gefährlich zugleich. Denn sollte ein Ja im Referendum nicht nur ein Faustpfand in späteren Verhandlungen mit Bagdad sein, sondern zur tatsächlichen Abspaltung führen, sind Kämpfe mit irakischen Truppen und schiitischen Milizen programmiert. Ein unabhängiges Kurdistan im Irak würde sogleich Begehrlichkeiten bei den Schwestern und Brüdern in anderen Staaten wecken. Denn auch in Syrien waren es die Kurden, die im Norden des Landes den IS in die Flucht trieben und nun ein großes Gebiet kontrollieren. Dass sie sich in einem Nachkriegs–Syrien, wie immer das auch aussehen mag, nur mit einer Autonomie begnügen, ist daher kaum zu erwarten. Doch auch dort leben sie, ähnlich wie im Irak, in keinem geschlossenen Siedlungsgebiet, sondern oft Tür an Tür mit ihren arabischen Nachbarn.

Das führt in die Türkei, wo Präsident Recep Tayyip Erdogan niemals einen Kurdenstaat an seinen Grenzen akzeptieren würde. Die Strahlkraft eines solchen Staates auf die drangsalierten Kurden in seinem Land wäre enorm. Daher droht er schon jetzt den irakischen Kurden im Fall einer Abspaltung mit komplettem Wirtschaftsboykott. Dieser brächte ein unabhängiges Kurdistan im Irak wirtschaftlich zu Fall, noch bevor es ausgerufen würde, da es den Großteil seines Handels mit der Türkei abwickelt.

Hinzu kommt, dass die Kurden zwar ein Volk, aber keineswegs eine geeinte Kraft sind. Politisch sind sie ähnlich zersplittert wie sie staatlich zerstreut sind. Der Referendumsinitiatior im Irak, Kurden-Präsident Masud Barzani, regiert seit 2013 ohne Mandat und seit 2015 auch ohne Parlament. Sein Referendum wird weder von den USA noch dem großen Rest der Staatengemeinschaft anerkannt. Was es jetzt bräuchte, wären keine Hitzköpfe, die aus Eigeninteresse ihr Volk ins Ungewisse treiben, sondern bedächtige und vor allem ehrliche Makler, die auf Bagdad und Barzani gleichermaßen einwirken. Noch ist es nicht zu spät, auf dem Verhandlungsweg Lösungen zu erzielen, die eine gesamte Region davor bewahren könnten, noch tiefer in den Höllenschlund zu stürzen.

Kommentare

Peter Lüdin

Inzwischen kann es einem egal sein was in Somalia, Libyen, Syrien, Irak, Afghanistan etc. passiert, denn die Politik interessiert es anscheinend auch nicht. Man kann hier in Europa nur noch für Wachsamkeit plädieren, damit Leute aus diesen Ländern hier keinen Quadratmillimeter Fuss rein bekommen, auch nicht als angebliche Flüchtlinge.

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