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Ohne Angsthasen-Fußball zum Erfolg

WM in Brasilien hat gezeigt, dass beherzte kleine Teams die großen fordern können

Michael Kuhn © Bild: NEWS / Thomas Jantzen

Schon sechs Tage nach dem packenden WM-Finale von Rio de Janeiro, über das die Fußballwelt noch immer spricht, geht’s in Österreich wieder los. Selbstmörderisches Timing? Nein, denn das Wunderbare am Fußball ist unter anderem, dass er so relativ ist. Selbst auf Bezirksebene können 90 Minuten durchaus spannend sein. Also keine sauer-skeptischen Gesichter zum Meisterschaftsstart, bitte, keine unfairen Vergleiche.

Stil des Weltmeisters ist immer richtungsweisend

Pünktlich alle vier Jahre fragen wir uns und die großen Experten: Haben wir eigentlich einen Mehrwert gewonnen aus der WM, außer vier Wochen allerhöchsten Fernseh-Sportvergnügens? Stil und Spielsystem eines (überzeugenden) Weltmeisters sind immer richtungsweisend. Ich erinnere mich, wie Österreichs neuer Teamchef Karl Stotz 1978 nach Argentiniens glücklichem Finalsieg über Happels Holländer schwärmte: Unsere Nationalelf soll künftig offensiv brillieren wie Menottis Team.

Ergab eine wunderbare Schlagzeile, aber nicht mehr. Kategorie Wunschdenken. Natürlich werden auch jetzt nicht alle prompt im Deutschland-Stil wirbeln - wie vor vier Jahren nach Spaniens Triumph nicht weltweit Tiki-Taka getanzt wurde. Was also ist realistischerweise
der Gewinn aus der WM, abgesehen von den 1,62 Milliarden Euro, die Sepp Blatters Weltverband zufrieden lächelnd auf seinem gering besteuerten Schweizer Konto verbuchen darf?

Sepp Blatter vor der Glasscheibe
© Matthias Hangst/Getty Images Ein großer Sieger der WM: Sepp Blatter

Brasilien war ein Top-Turnier

Es gibt ihn sehr wohl, diesen Gewinn. Die ganz spezielle Erfahrung dieser WM müsste alle Fußballer auch hierzulande beschäftigen: Als Schwächerer kann man nicht nur mit Angsthasen-Fußball Erfolg haben. Siehe Costa Rica, siehe Algerien, siehe Bosnien und Herzegowina. Sie forderten die Großen, ohne Beton anzurühren. Voraussetzungen sind Mut, körperliche Fitness, wie sie fast alle in Brasilien zeigten, und Laufbereitschaft. Folge dieser Kontinent-übergreifenden neuen Philosophie, die natürlich nicht abgesprochen war: Wirklich lähmende Spiele konnte man an den Fingern einer Hand abzählen. Nicht zuletzt deshalb ergießen sich weltweit Lobeshymnen über das sportliche Niveau der WM 2014 von Brasilien, nicht zuletzt deshalb geht dieses Turnier als eines der besten in die moderne Fußballgeschichte ein, vielleicht sogar als bestes.

Also: Nicht System-Zahlenspielereien, die für Fußball-Theoretiker geschaffen sind und ohnehin selten stimmen, sind für mich die fundamentalen Erkenntnisse dieser Weltmeisterschaft von Brasilien, sondern der Wille aller Teams, sich selbst und den Fans Freude am Fußball zu machen. Das klingt irgendwie weltfremd. Aber Langeweile darf keine Kategorie des Fußballs sein. Sie ist tödlich.

© imago/Action Plus Fußball soll in erster Linie Freude machen

Gesucht: Optimistische Fans

Ich bitte ÖFB und Bundesliga, nicht zur Tagesordnung überzugehen, sondern ein WM-Video zusammenzustellen, sorgsam, mit allen visuellen Beispielen an Taktik und Spielverhalten. Dann mit Trainern und Spielern besprechen. Das Ganze ernst nehmen. Es genügt nicht, dass wir in der Administration der Bundesliga Deutschland zum Vorbild nehmen.

Auch unsere Fans kommen nicht ungeschoren davon. Sie, die in den letzten Wochen Stunden um Stunden vor dem Bildschirm gefesselt waren, müssen doch die TV-Bilder von den Stadiontribünen aufgesogen haben. Fröhliche Menschen, keine Negativlinge. Ich wünsche mir Optimismus und vor allem Anerkennung gegnerischer Leistungen. Nichts hasse ich mehr als die ordinären Schreier in unseren Stadien, die in zweiter Linie die eigene Mannschaft anfeuern, in erster aber die Gegner wüst beschimpfen.

Brasilien muss auch in Österreich eine Wende bringen

Brasilien muss auch hierzulande in vieler Hinsicht eine Wende bringen. Leicht wird es nicht, aber es muss sein. Andernfalls träumen wir weiter von der glorreichen Vergangenheit.

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