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Geld für Banken statt Menschen

Analyse von der stellvertretenden Chefredakteurin Corinna Milborn

Kommentar - Geld für Banken statt Menschen © Bild: NEWS

Die spanischen Banken haben mit ihrer in Beton gegossenen Spekulation das Land in die Krise getrieben. Jetzt bekommen sie dafür 100 Milliarden. Das grenzt an Betrug.

Die Telefonkonferenz dauerte nur 40 Minuten. So lange brauchte es, bis die Euro-Finanzminister am vergangenen Samstag beschlossen, was vor Wochen noch undenkbar schien: Spanien erhält für die Rettung seiner maroden Banken 100 Milliarden Euro aus dem europäischen Rettungsschirm. Verkauft wird uns die Hilfsaktion – bezahlt mit dem Steuergeld der europäischen Mittelklassen – als alternativlose Last-Minute- Rettung im Sinne aller. Das ist im Falle von Spaniens Banken besonders empörend: Denn sie sind an der Krise des Landes nicht nur beteiligt – sie tragen die Schuld dafür.

Land der Wohnungen ohne Menschen und der Menschen ohne Wohnungen.
Die Wurzel der spanischen Krise ist die Immobilienblase, die sich seit 2000 aufbaute. Sagenhafte 20 Prozent Preissteigerungen verzeichneten Wohnungen und Häuser damals Jahr für Jahr – und es wurde gebaut und gekauft wie wild. Nicht um in den Häusern zu wohnen, sondern um sie wieder zu verkaufen. 800.000 Ferienwohnungen pro Jahr und Hunderte Golfplätze klotzten die Bauunternehmen an die spanischen Küsten, die nun aussehen wie nach einem Tsunami aus Beton, und bis weit ins Hinterland: Kein Fleck blieb verschont, kein Widmungsplan eingehalten. Und die Häuser? Stehen leer.

Banken, Bauunternehmer, Spekulanten und der Staat verdienten gut am zerstörerischen Bauboom. Politiker waren entweder selbst mit von der Partie oder drückten alle Augen zu. Selbst als schon lange klar war, dass die Blase bald platzen muss, wurde weiter gebaut und verkauft. Der IWF warnte schon 2006, dass dies den Euro in Gefahr bringen wird. Die Banken und Sparkassen haben diesen Irrsinn nicht nur finanziert: Sie waren bei allen großen Projekten Teil der Baukonsortien. Sie haben nicht nur die Kredite verklopft, sondern auch die Wohnungen direkt verkauft: Erst an Großanleger, wie etwa amerikanische Pensionsfonds. Dann, als es diesen zu heiß wurde, an jeden, der ihnen in die Hände geriet.

2006, als ich über die Immo-Blase an der Küste von Alicante recherchierte, wurde selbst ein Interview in einer geplanten Mega-Siedlung zum Verkaufsgespräch: 4.000 Euro, drängten Bankberater und Verkäufer, würden für die Anzahlung einer Wohnung genügen. Nur der Rahmen meiner Kreditkarte. Ich könnte sofort unterschreiben und eine Wohnung um 200.000 Euro kaufen. Den Kredit müsse ich erst in drei Jahren zu zahlen beginnen – oder gar nicht: Bei Baubeginn ein Jahr später werde der Preis bei 240.000 Euro liegen, und ich könnte mit 40.000 Euro Gewinn verkaufen, ohne eine Rate bezahlt zu haben. Die angebotene Wohnung hatte nur ein Zimmer. Sie wurde nie gebaut.

Es waren die spanischen Sparkassen und Banken, die die Preise in wahnwitzige Höhen trieben und nach dem Abflauen des Booms Kleinanleger und Wohnungssuchende aus ganz Europa in die Schuldenfalle trieben: Wohnungseinrichtungen, Supermarktgutscheine zu 5.000 Euro, selbst Autos wurden zur Unterschrift dazugeschenkt, die Zahlungen für Kredite für bis zu fünf Jahre ausgesetzt. Dafür waren die Zinsen nach oben unbegrenzt, und die Laufzeiten lagen bei 40 Jahren – vererbbar. Nun, nach dem Platzen der Blase, sind die Wohnungen nur mehr die Hälfte wert, die Kreditraten haben sich dafür ver doppelt. Wer der Bank vor vier Jahren eine Wohnung um 400.000 abgekauft hat, verliert sie heute vermutlich an dieselbe Bank – und steht danach ohne Wohnung, aber mit 200.000 Euro Schulden da. Bei jener Bank, die die Wohnung nun wieder besitzt.

Die absurd überhöhten Preise, die die Banken selbst geschaffen haben, stehen nun als faule Kredite in den Bilanzen – 260 Milliarden schwer. Dieses Geld nun vom Steuerzahler einzufordern grenzt an Betrug. Es ohne jegliche Sicherheit auszuzahlen ebenfalls.

Der gesunde Menschenverstand gebietet hier einen geordneten Bankrott – und die Beschlagnahme der leer stehenden Häuser und Wohnungen als Sicherheit für jegliches Rettungsgeld. Welche Bank würde auch nur 100.000 Euro verleihen, ohne sich ins Grundbuch zu schreiben?

Die spanische Bevölkerung verliert aufgrund dieser Krise ihre Lebensgrundlage: 1,5 Millionen Familien stehen derzeit vor der Delogierung. Die Hälfte der 30- bis 35-Jährigen muss bei den Eltern leben. Die Jugendarbeitslosigkeit ist auf über 50 Prozent gestiegen. Die Antwort Europas auf diese dramatische soziale Krise lautet: Sparpaket. Gehälter werden gekürzt, Sozialleistungen abgeschafft, das Bildungs- und Gesundheitssystem an den Rand des Kollapses getrieben, staatliche Investitionen gestrichen. Nur bei den Banken – da ging es schnell: 100 Milliarden. Nach 40 Minuten.