Kultur-Kommentar von

Berliner Triumph für Hartmann

Heinz Sichrovsky über ein Burgtheater-Projekt der alten Art

Kultur-Kommentar - Berliner Triumph für Hartmann © Bild: NEWS/Herrgott Ricardo

Vor einem Jahrzehnt noch war das Berliner Theatertreffen etwas: das Fest der deutschsprachigen Bühnenkunst in all ihrem stilistischen und qualitativen Reichtum. Heute sucht es seine Legitimation, denn zur Begutachtung der wenigen Regisseure, die noch Außerordentlichkeit beanspruchen können, braucht man nur irgendein besseres Theater zu besuchen: Jeder inszeniert überall.

Und nicht einmal diese Akkordarbeiter sind alle zur jährlichen Leistungsschau zugelassen. Denn in weitgehender Ermangelung bedeutender Kritiker ist die Auswahl der Jury von mafios verwalteter Belanglosigkeit. Heuer, so las man, wäre das Treffen trostlos wie lang nicht mehr gewesen. Mit einer Ausnahme: Der Beitrag des Burgtheaters erschütterte bis zur Sprachlosigkeit. „Die letzten Zeugen“ sind hochbetagte Überlebende des Holocaust. Auf der Bühne sitzend, hören sie ihren von jungen Schauspielern gelesenen Erinnerungen nach. Alles, was auf deutschen Bühnen zugunsten formalistischen Gehampels untersagt ist, kehrt da im Triumph zurück. Man hat die Form aufgelöst und dabei die Tugenden der Wahrhaftigkeit und der psychologischen Schlüssigkeit wiedergefunden. Wer hier unter Mithilfe des Autors Doron Rabinovici den Kreis quadriert hat? Matthias Hartmann war es, bis vor kurzem der Burgtheaterdirektor, von dem man sich womöglich doch voreilig getrennt hat.

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