Körpersprache-Analsye von

Warum Sebastian Kurz jetzt ein
"riesengroßes Problem" hat

Wie der Strache-Rücktritt Kurz in ein Dilemma bringt und warum die FPÖ "innerlich zerreißen wird"

Kurz © Bild: APA/Neubauer

Die Ibiza-Affäre hat Österreich eine Regierungskrise inklusive Neuwahlen beschert und der FPÖ ihren Parteichef abhanden kommen lassen. Warum die Freiheitlichen mit Norbert Hofer an der Spitze nun „innerlich zerreißen“ werden, warum Sebastian Kurz ohne Heinz-Christian Strache an seiner Seite ein Problem haben wird und warum Straches Aufrichtigkeit in Bezug auf seine Entschuldigung bei Ehefrau Philippa auch angezweifelt werden kann, erklärt Körpersprache-Experte Stefan Verra im Gespräch mit News.at.

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Es war ein Video von etwa fünf Minuten, das Österreichs Politiklandschaft völlig auf den Kopf stellte. Der Clip, in dem Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus auf Ibiza einer vermeintlichen Oligarchen-Nichte Staatsaufträge versprechen und über illegale Parteifinanzierung erzählen, sprenge die türkis-blaue Koalition und brachte dem Land Neuwahlen ein.

Zum Ibiza-Video: An Körpersprache kann man keine Lügen erkennen

Die Aussagen dieses Ibiza-Videos werden seither intensiv geprüft und analysiert, die "Lockvögel" wurden inzwischen aufgedeckt. Doch gibt es noch mehr, das nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist? „Nein“, sagt Körpersprache-Experte Stefan Verra im Gespräch mit News.at. Man könne an Körpersprache Lügen nicht eindeutig erkennen und wenn man nun aus der Körpersprache des von sieben Stunden auf ein paar Minuten zusammengefassten Videos etwas konstruieren wolle, wäre das „untergriffig und unseriös“. Und diese Intensität, in die sich Ex-FPÖ-Chef Strache so hineingesteigert habe, sei einfach der Euphorie geschuldet. Etwas, das jeder kenne. „Aber dass diese Euphorie unmoralische und unethische Gründe hat, ist natürlich eine andere Geschichte“, so Verra.

Auch interessant: Stefan Verra analysiert für News.at die Körpersprache von Kurz, Rendi-Wagner und Co.

Die FPÖ unter Hofer

Viel spannender findet der Körpersprache-Experte aber ohnehin den Blick in die Zukunft der FPÖ unter Norbert Hofer. „Die FPÖ wird innerlich zerreißen an dem, was gerade passiert“, sagt Verra.

Kickl Hofer STrache
© APA/Punz Verra: "FPÖ-Wähler brauchen eine Identifikationsfigur, das ist der Hofer aber einfach nicht."

"Handzahmer" Hofer als großes Problem

Hofer habe sich in seinen beiden öffentlichen Statements seit Beginn der Krise „wahnsinnig handzahm“ gegeben, „so wie ihn Stermann und Grissemann oft auf die Schaufel nehmen, als ob er Kreide geschluckt habe“. Das sei ein großes Problem für die FPÖ, denn ihre Wähler würden eine ganz andere Emotion empfinden, erklärt Verra: „Das sind ja eigentlich die aufgeregten Menschen. Die, die nur aus Protest FPÖ gewählt haben, sind durch den Skandal jetzt großteils weggefallen. Wenn Norbert Hofer diese nun mit seiner ruhigen, besonnenen Art wieder einfangen will, dann wird er gleichzeitig seine Stammwähler verlieren.“ Diese bräuchten nämlich eine Identifikationsfigur, die ebendiese Aufregung vermittele, "dass es in Österreich nicht so weitergehen kann". „Das ist der Hofer aber einfach nicht.“

»Herbert Kickl ist nicht mehrheitsfähig, weil er inhaltlich zwar sehr aggressiv ist, aber nicht in der Körpersprache«

Verra vermutet deshalb, dass der Neo-FPÖ-Chef nun in seiner „Verbalrhetorik wieder extrem aggressiv werden wird“, wie er es bereits im Präsidentschaftswahlkampf gezeigt habe – vor allem in Form einer versteinerten Mimik.
Die Option, dass Herbert Kickl diese durch Strache fehlende Seite repräsentiere, sieht Verra nicht: „Ich glaube, Herbert Kickl ist nicht mehrheitsfähig, weil er inhaltlich zwar sehr aggressiv ist, aber nicht in der Körpersprache, das ist ein großer Unterschied. Stellen wir uns die Aschermittwochsrede in Ried im Innkreis vor, da kann Kickl nicht punkten.“

Straches Entschuldigung: Familie macht unangreifbar

Und wie analysiert der Experte jenen Mann, der die ganze Krise losgetreten hat? Heinz-Christian Strache sei seiner Persönlichkeit auch in seiner Rücktrittsrede treu geblieben und habe sich – in Korrelation mit dem Inhalt – auch körpersprachlich sehr angriffig gegeben. Dass es den einen emotionalen Moment, nämlich jenen der Entschuldigung bei seiner Frau, Philippa Strache, gab, will Verra nicht so ganz zustimmen: „Das wissen wir natürlich nicht, muss man ehrlich sagen. Ob er die Entschuldigung ehrlich gemeint hat oder ob es berechnend war, kann man an der Körpersprache nicht erkennen.“ Prinzipiell sei er immer skeptisch, wenn die Familie ins Spiel gebracht würde, denn damit mache man sich quasi nicht angreifbar und es sei eben leicht, "diesen emotionalen Knopf zu drücken."

Strache
© APA/AFP/Halada Strache bei seiner Rücktrittsrede: "Angriff genau das richtige für FPÖ-Wähler"

Warum sich FPÖ-Wähler mit Straches Angrifflust wohler fühlen

Die Angriffe selbst hätten natürlich für alle Nicht-FPÖ-Wähler in diesem Moment absurd geklungen, doch für den FPÖ-Wähler sei es, so Verra „genau das richtige“ gewesen und stimmt damit auch Politikwissenschaftler Thomas Meyer zu, der in Straches angriffiger "Opferrolle" „wahlkampftechnisch“ für die FPÖ „das beste“ sieht. Auch Bill Clinton habe einst sogar zugegeben, Hillary mit Monica Lewinsky betrogen zu haben und immer noch hätten 25 Prozent der Clinton-Wähler darauf beharrt, er habe es nicht getan, zieht Stefan Verra Vergleiche zu anderen „Affären“. Genau deshalb fühle sich der FPÖ-Wähler mit den Worten Straches „wunderbar wohl“, „aber er fühlt sich nicht wohl, wenn Norbert Hofer vorne steht und sagt: ‚Die Zeitung Falter ist so toll.‘“

»Kurz selbst hat ja nicht die Strahlkraft, dass er Österreich wahnsinnig begeistern würde«

Kurz und sein "riesengroßes Problem"

Doch nicht nur der FPÖ, auch Noch-Kanzler Sebastian Kurz attestiert Verra ein „riesengroßes Problem“ durch den Wegfall seines Vizekanzlers: „Weil Kurz selbst hat ja nicht die Strahlkraft, dass er Österreich wahnsinnig begeistern würde.“ Er wirke zwar ruhig und stabil, „aber euphorisieren tut er uns nicht.“ Das aufrührerische sei eben Straches Part gewesen.

Im Video: Körpersprache-Analyse - Sebastian Kurz

© Video: News.at

Kurz wirkte nicht authentisch

Überhaupt habe Kurz in seinen Auftritten seit der Krise „sehr kontrolliert“ aber dadurch auch „nicht besonders authentisch“ gewirkt, denn authentisch sei jemand, der, wenn er sich gerade ärgert, am Tisch haue und wenn man das nirgendwo sähe, diesen Ärger, diese Kränkung oder diese Ratlosigkeit, die Kurz wohl verspüren müsse, dann sei das eben auf eine äußerst kontrollierte Körpersprache zurückzuführen und wirke wie runtergebetete, vorbereitete Rede. Allerdings habe das auch – für Kurz positive – Auswirkungen auf Österreichs Emotionen, denn immer noch habe man deshalb das Gefühl, „die Kacke ist noch nicht am dampfen“. Eine Sache übrigens, die Angela Merkel seit 14 Jahren so praktiziere.

»Kurz hat noch zu wenig Frustration in Österreich geschaffen«

Überhaupt schätzt Verra, dass die Kurz-Kampagne, in der er sich als Retter inszenieren wird, wieder greifen wird, denn „Kurz hat noch zu wenig Frustration in Österreich geschaffen, als dass man sich nicht immer noch in seiner Körpersprache, in diesem Beruhigenden, dem Jungen, wohlfühlen würde.“

Weitere Info:

Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten in Europa. Der in München lebende Österreicher beschäftigt sich seit 20 Jahren intensiv mit der menschlichen Körpersprache. Er hält heute weltweit Vorträge, ist Gastdozent an mehreren Universitäten und ist mit seiner humorvollen Körpersprache-Show auch immer wieder auf Tournee.
In seinem aktuellen Buch "Leithammel sind auch nur Menschen: Die Körpersprache der Mächtigen" analysierte er bereits die Körpersprache von Politikern wie Donald Trump, Angela Merkel oder Sebastian Kurz.

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