Koalitionsfrage von

Wie Kurz und Kogler
miteinander könnten

Koalitionsfrage - Wie Kurz und Kogler
miteinander könnten © Bild: APA/AFP

Können die Wahlsieger der Nationalratswahl auch gemeinsam erfolgreich sein? In einem Gastkommentar für News analysiert Profiling- und Kommunikationsexperte Thomas W. Albrecht, ob Sebastian Kurz und Werner Kogler eine Zusammenarbeit gelingen könnte.

Die Nationalratswahlen 2019 sind geschlagen. Als überraschende Koalitionsmöglichkeit hat sich Türkis – Grün herauskristallisiert. An diese Option haben vor der Wahl nur die wenigsten gedacht. Wie es aufgrund der internen Herausforderungen von FPÖ und SPÖ sowie des zerstörten Gesprächsklimas zwischen ÖVP und SPÖ aussieht, ist dies wohl die einzige Koalitionsoption. Doch wie könnte es sich zwischen Sebastian Kurz und Werner Kogler „ausgehen“? Sind die beiden nicht zu unterschiedlich für eine langfristige Zusammenarbeit? Ein erster Blick ließe dies vermuten. Doch wie sieht es hinter den Kulissen aus?

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Türkis und Grüne haben zweifelsfrei unterschiedliche Meinungen zu brennenden aktuellen politischen Fragen. Das ist ganz klar und selbstverständlich. Dazu gehören unter anderem die großen Themen der Migration und des Klimawandels. Während des Wahlkampfs hat vor allem Werner Kogler immer wieder mit Nachdruck auf Auffassungsunterschiede zwischen Grün und Türkis hingewiesen. Kurz‘ Auftreten hingegen ist von Höflichkeit geprägt. Er erklärt immer wieder, warum ihm bestimmte Themen wichtig sind. Es könnte den Eindruck erweckt haben, dass diese inhaltlichen Differenzen sehr große wären. Meiner Einschätzung nach passen die beiden jedoch besser zusammen, als sie es selbst vermutlich noch annehmen. Es reicht ja auch schon nur zu glauben, man sei unterschiedlicher Meinung.

Die Kommunikationsfilter von Kurz und Kogler

Um wahrgenommene inhaltliche Differenzen wirkungsvoll zu bearbeiten, bedarf es gegenseitigen Vertrauens. Vertrauen ist ein Gefühl, das man hat, oder eben nicht. Interessant ist, wie Vertrauen aufgebaut werden kann. Dazu schauen wir uns zunächst die Kommunikationsfilter von Kurz und Kogler genauer an.

Kurz geht es um Verstehen und um Begreifen. Er ist proaktiv und strebt übergreifende, gesamtheitliche Lösungen an. Er ist auf ein Ziel fokussiert, er spricht davon, was aus seiner Sicht gewonnen und erreicht werden kann. Kurz denkt in Optionen und Möglichkeiten, das hält ihn motiviert. Er möchte tiefgreifende Veränderungen und sieht diese als notwendig an, um seine eigenen Werte zu erfüllen. Aus seinen Auftritten erkennen wir, dass er ganz klare Vorstellungen hat, wie die Zukunft sein soll. Kurz zieht es vor, den Überblick zu haben und auf der konzeptuellen Ebene zu arbeiten.

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Kogler hingegen möchte die aktuellen Probleme durch Konsens lösen. Er spricht viel von Dingen, die verändert werden müssen. Die Quelle seiner Motivation ist ihn ihm selbst. Er hat einerseits gerne den Überblick und geht andererseits bei vielen Fragen sehr ins Detail. Seine Aufmerksamkeit ist auf sich selbst gerichtet. Er blickt seinen Gesprächspartnern kaum ins Gesicht. Auf Belastungen reagiert er kognitiv und zeigt wenig bis keine Emotionen. Er agiert objektbezogen und ist auf Prozeduren und Abläufe konzentriert. Er meint, was er für gut bewertet, sei auch für alle anderen Menschen gut.

Ein langer Weg in die Koalition

Ein erster Eindruck beim Vergleich der beiden Profile könnte darauf schließen lassen, diese beiden Persönlichkeiten seien für eine Koalition zu unterschiedlich. Eine Zusammenarbeit im Rahmen einer Koalition wird tatsächlich von vielen noch als problematisch gesehen. Koalition ist jedoch wie Partnerschaft. Was verbindet die beiden und wie könnten sie voneinander profitieren? Wie könnten sie ihre eigenen Ideen jeweils realisieren und bei ihrer Wählerschaft Zuspruch zu finden?

»Idealerweise beginnt man Gespräche ausschließlich auf gemeinschaftlicher Ebene zu führen«

Was Kurz und Kogler definitiv verbindet, ist ihr globaler, übergreifender Blick auf aktuelle Herausforderungen. Hier können starke Gemeinsamkeiten gefunden werden. Das Leben der Bevölkerung zu verbessern, ist eine dieser Gemeinsamkeiten. Dazu gehören Wirtschaft und Umwelt gleichermaßen. Idealerweise beginnt man Gespräche ausschließlich auf dieser globalen, gemeinschaftlichen und übergreifenden Ebene zu führen. Gemeinsamkeiten verbinden. Sie gehören gut sichtbar für alle dokumentiert und immer wieder kommuniziert. Zeigt Kurz hier mehr persönliches Mitgefühl als bisher, so käme dies Kogler emotional sehr entgegen.

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Die darauffolgende klassische Verhandlungsebene kümmert sich um konkrete Ziele. Was soll erreicht werden? Woran wird man konkret erkennen, ein Ziel erreicht zu haben? Messgrößen lassen sich viele finden, wie Beschäftigungsrate, Verkehrsaufkommen bei PKW, LKW und Bahn, Wirtschaftsdaten und viele mehr. Kurz könnte Kogler hier sehr leicht entgegenkommen, indem er Koglers Objektbezogenheit bedient. Kogler konzentriert sich eher auf Aufgaben, System Ideen und Strukturen. Kurz konzentriert sich eher auf Personen und Gefühle anderer, auch wenn er seine eigenen Gefühle kaum zeigt. Das Erkennen dieses Persönlichkeitsunterschieds ist eine große Chance für eine erfolgreiche Koalition. Auf jeden Fall sollten die Koalitionsziele in ausgesprochen humanistischen Begriffen definiert werden, um die grünen Werte zu erfüllen.

Geht es weiter zur Umsetzung, also zu konkreten Maßnahmen, wie diese Ziele erreicht werden können, ist folgendes zu berücksichtigen: Kogler ist wesentlich detailorientierter als Kurz. Kogler findet auch grundsätzlich mehr „Fehler“ und Probleme als Kurz. Kurz könnte diese Eigenschaft Koglers nutzen, effiziente Umsetzungsprogramme in Hinblick auf Wirtschafts- und Umweltfragen zu bekommen. Dass es bei der Lösung von Detailfragen zu Differenzen kommt ist ganz natürlich. Der Blick auf Gemeinsamkeiten und auf gemeinsame Ziele hilft, Konsens wiederherzustellen. Grün sollte es zulassen, Verantwortung zu delegieren und die Menschen selbst für die Folgen ihres Handelns verantwortlich zu machen. Diese Denkweise unterstützt Sebastian Kurz‘ Führungsstil und macht es ihm einfacher, mit den Grünen zu gehen.

Wer gewinnen kann und wer schon verloren hat

Kurz hat schon während der Türkis-Blauen Koalition gezeigt, wie gut er mit Unterschiedlichkeiten umgehen und diese für seinen politischen Erfolg verwenden kann. Gelingt es ihm, die Stärken der Grünen zu nutzen, so sollte diese Koalitionen eine deutlich einfachere werden. Betrachtet man die Situation aus Koglers Standpunkt, so kann er gar nicht anders, als die Zusammenarbeit mit Türkis zu suchen und zu finden. Seine Konsensbereitschaft, seine innere Motivation und sein Tatendrang sind ein guter Wegbegleiter. Würde Kogler als etwaiger Verhinderer einer türkis–grünen Koalition wahrgenommen werden, so würde man ihm dies für lange Zeit wohl als kindliche Trotzreaktion vorwerfen. Grün hat hier eine große Chance bekommen, ihr Wirken zu entfalten.

»Die Ankläger, Verurteiler und Anbiederer sind die großen Verlierer«

Das Wahlergebnis zeigt deutlich: Die Ankläger, Verurteiler und Anbiederer sind die großen Verlierer. Die Gewinner sind jene, die den Weg nach vorne gezeigt haben. Beate Meinl-Reisinger ist gegen Ende des Wahlkampfs immer mehr in eine sehr rigide Haltung politischer Korrektness und Arroganz verfallen. Das hat ihr genau jene Stimmen gekostet, die die Neos jetzt schmerzlich bräuchten, hier mitwirken zu dürfen. Türkis–Grün wäre definitiv eine gute Wahl für unser Land.

© Goldegg Verlag

Zur Person: Thomas W. Albrecht ist international renommierter Speaker, Coach und Mentor. Nach dem Diplomstudium für Elektrotechnik und mehr als zehnjähriger Erfahrung als Führungskraft eines Großkonzerns sowie in Start Ups wandte er sich als selbstständiger Unternehmer den Themen Kultur- und Wertewandel in Unternehmen und Gesellschaft zu. Er absolvierte regelmäßig Ausbildungen in den USA und in Europa, ist international zertifizierter Trainer gemäß dem American Board of NLP. In seinem neuen Buch "Die Rhetorik des Sebastian Kurz. Was steckt dahinter?" beschreibt er die Wirkkraft von Sprache, Körperbewegung und Emotion.