Kluft in Bevölkerung Thailands wird tiefer:
Landbevölkerung gegen herrschende Eliten

Analyse: 'Gelb und Rot bringen Land an den Abgrund'

In Thailand wächst mit jedem weiteren Tag der innenpolitischen Konfrontation die tiefe Kluft in der Gesellschaft. Gelb steht gegen Rot - benannt nach den Farben, in die sich die rivalisierenden Lager kleiden. "Gelb und Rot bringen das Land immer näher an den Abgrund", warnt die Zeitung "The Nation" in Bangkok. "Thailand droht außer Kontrolle zu geraten", sagt der Politologe Thitinan Pongsudhirak. Die Schlüsselfigur des politischen Dramas sitzt seit zwei Jahren im Exil: der vom Militär gestürzte Regierungschef Thaksin Shinawatra.

Zuerst waren es die Regierungsgegner, die politisch aktiv wurden - aus tiefem Hass auf alles, was 2001 mit Thaksins neuer Politik-Ära begann. Im außerparlamentarischen Oppositionsbündnis "Volksallianz für Demokratie" (PAD), gegründet von einem abtrünnigen Thaksin-Vertrauten, dem Pressemagnaten Sondhi Limthongkul, fanden sie ihre Stimme. Thaksin hatte sich mit populistischen Maßnahmen eine glühende Fangemeinde unter den armen Massen geschaffen, die seitdem ihre neu entdeckten politischen Muskeln an der Wahlurne spielen lassen. Als Gegengewicht zur PAD gründeten sie die "Demokratische Allianz gegen Diktatur" (DAAD).

Machtkampf zwischen Arm und Reich
Es ist ein Machtkampf zwischen alteingesessenen Eliten und einer politisch gerade erst erwachten Klasse, zwischen Reich und Arm, zwischen Süden und Norden, zwischen Bildungsbürgern und Bauern. "Die Leute vom Land haben ein gutes Herz, aber sie wissen nicht, was die Wahrheit ist, so wie wir in Bangkok", sagt ein Chirurg, der unter den Besetzern am Flughafen von Bangkok ist. "Wir müssen diese Leute umerziehen."

Der Graben zwischen den beiden Lagern ist tief: Hier die gehobene Mittelklasse, die einflussreichen Bangkoker Familien, Akademiker, Unternehmer und Militäranhänger, die die politischen Geschicke des Landes Jahrzehnte lang kontrollierten. Posten und Gesetze wurden in den Hinterzimmern ihrer Villen in Bangkok ausgehandelt. Dort die Bauern, die von der Hand in den Mund leben, kein Geld für ärztliche Versorgung oder Bildung haben und Jahrzehnte im Teufelskreis der Armut verharrten. Thaksin, dessen chinesischstämmige Familie zwar reich und einflussreich war, ihre Basis aber in Chiang Mai und nicht in Bangkok hatte, machte den Bauern als erster Politiker mit bezahlbarer Krankenversorgung und günstigen Kleinkrediten den Hof.

Dass er mit Hilfe dieser Machtbasis die Bangkoker Elite verdrängte, Spitzenpositionen mit eigenen Leuten besetzte, die ihm und seinen Unternehmerfreunden gewogen waren, bezahlte er 2006 mit dem politischen Aus. Mit Protestaktionen opponierte die PAD in Bangkok monatelang gegen ihn, dann putschte das Militär. Doch die  Freude über das Ende der Thaksin-Ära war kurz. Kaum konnte die neu erwachte politische Klasse wieder zur Wahlurne gehen, kam der Denkzettel: Die von Thaksin-Anhängern gegründete Volksmachtpartei PPP holte im Nordosten des Landes 75 Prozent der Stimmen.

Eine Annäherung zwischen den Lagern gab es nicht. Weil sie an der Wahlurne nie eine Chance hätte, will die PAD die Demokratie beschneiden und das Parlament teilweise ernennen lassen. Die Regierungsanhänger wollen sich den Wahlsieg "ihrer" Partei dagegen unter keinen Umständen nehmen lassen. Als rote und gelbe Hemden Anfang Oktober in Bangkok aufeinander losgingen, kam es zu den schlimmsten Straßenschlachten seit 16 Jahren. Die Polizei setzte Tränengas ein, zwei Menschen kamen ums Leben.

"Wenn die Anhänger der Regierung zur Randale ansetzen, kann sie nur einer zurückhalten", sagt Thitinan: "Thaksin. Die PAD spielt ihm ironischerweise in die Hände." Thaksin sitzt zur Zeit in Dubai und bastelt nach monatelangen Beteuerungen des Gegenteils jetzt an einer Rückkehr. Das Problem ist, dass ihn in Thailand eine zweijährige Haftstrafe wegen Amtsmissbrauchs erwartet. "Mit mir am Steuer könnte ich das Vertrauen in Thailand schnell wieder herstellen", sagte er gerade der Zeitung "Arabian Business". "Deshalb müssen wir einen Weg finden, wie ich zurückkehren kann."

(apa/red)