Klimawandel bis 2050 bereits "relativ gut berechenbar": 'Veränderungen sind ein Fakt'

Klimafolgenforscher über die künftigen Entwicklungen

Die künftige Erderwärmung ist für Klimaexperten ein Risiko, das sich vorhersagen und bis ins Jahr 2050 sogar "relativ gut berechnen" lässt, berichtete Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) gegenüber der APA. Weniger einschätzbar ist hingegen zum Beispiel das künftige Verhalten des Nordatlantikstroms, des Grönlandeisschilds und des indischen Monsuns. "Diese sogenannten Tipping-Points werden wir quantitativ nicht rechtzeitig bestimmen können", die Folgen seien schwer vorhersagbar, sagte der Klimaexperte am Rande der Alpbacher Technologiegespräche.

Der vom Menschen verursachte Klimawandel ist, so Levermann, "ein Fakt". Es könne mittlerweile mit Sicherheit gesagt werden, dass anthropogene Treibhausgase die bodennahe Temperatur der Erde erhöhen. Noch eindeutiger zu beantworten ist für den Experten, der am UNO-Weltklimabericht mitgearbeitet hat, ob wir das Klima in der Zukunft verändern werden, wenn wir weiter Treibhausgase emittieren. Das Wissen über das Strahlungsverhalten von Treibhausgasen wie etwa Kohlendioxid und Methan sowie über die klimatischen Rückkopplungen ist Levermann zufolge "hinreichend". Auch die Reaktionen des Klimasystems sind für die Wissenschafter gut einschätzbar und zeigen in Richtung einer zusätzlichen Erwärmung.

Folgen des Temperaturanstiegs bereits beobachtbar
Einige Folgen eines Temperaturanstiegs sind bereits jetzt beobachtbar, so etwa das Schmelzen der Gletscher und ein Anstieg der Meeresspiegel (im vergangenen Jahrhundert 15 bis 20 Zentimeter). Im Gegensatz dazu stehen Effekte, die noch nicht mit Sicherheit prognostiziert werden können. Für ihre Einschätzung und definitive Antworten "reichen weder statistische Zeitreihen noch das physikalische Verständnis", sagte Levermann. Es sei etwa nicht möglich, das Wetter und damit das Auftreten von Extremwetterereignissen für die kommenden Jahrzehnte exakt vorherzusagen. "Es scheint wahrscheinlich, dass ein Sommer, wie wir ihn 2003 in Europa erlebt haben, in 20 bis 30 Jahren zum Regelfall gehört und in 50 Jahren sogar eher einen kälteren Sommer in Europa darstellt - falls die Emissionen weiter so ansteigen wie bisher."

Auch das Abschmelzen der großen Landeismassen ist wenig kalkulierbar, die physikalischen Grundlagen dafür sind Levermann zufolge komplex: "Was wir beobachten, ist ein Abschmelzen des Grönlandeises. Die Wassermassen, die im grönländischen Eisschild gespeichert sind, entsprechen einem Anstieg des weltweiten Meeresspiegels von sieben Metern. Das Westantarktische Eisschild enthält weitere sechs Meter, das Ostantarktische sogar 50 Meter." Zur Zeit wisse niemand, wie schnell diese Wassermassen frei werden. Die meisten Klimamodelle würden eine Reihe der destabilisierender Prozesse für Grönland, die Antarktis und das Schelfeis nicht berücksichtigen.

Das Grönlandeisschild wie auch der Nordatlantikstrom und der indische Monsun zählen "möglicherweise" zu den Tipping-Points, den "Kipp-Prozessen des Klimasystems". Auf nur kleine Klimaveränderungen könnten sie bereits sehr stark reagieren. Beim Nordatlantikstrom sowie den Monsunregen könnte es gar zu einem plötzlichen Stillstand kommen. "Die Folgen wären in beiden Fällen verheerend", so Levermann.

Tipping-Points und Risikopotenzial
Bis wann die Tipping-Points und das Risikopotenzial dieser Prozesse einschätzbarer sind, ist für Levermann nicht absehbar: "An der thermohalinen Zirkulation (Anm. u. a. Nordatlantikstrom) wird seit mehr als 50 Jahren gearbeitet, die Unsicherheit über das dynamische Verhalten ist nach wie vor extrem groß. Es ist nach wie vor unsicher, ob es einen Abbruch geben wird." Der indische Monsun ist als möglicher Kippprozess erst 2006 entdeckt worden. Levermann selbst arbeitet an der Verbesserung der Aussagen über die Tipping-Points. Man sei bemüht zu klären, welche Kipp-Prozesse es überhaupt gibt: "Es wäre schön, wenn wir einen auch wieder von der Landkarte streichen könnten."

Die Zukunftsprojektionen der Temperatur funktionieren relativ gut bis ins Jahr 2050. "Hier unterscheiden sich die Modelle kaum", so Levermann. Auch bis ins Jahr 2100 stamme die Hauptunsicherheit nicht von den Modellen, "sondern von den politischen und sozio-ökonomischen Vorgaben". Es hängt davon ab, wie viel Treibhausgase emittiert werden. Ziel der Europäischen Union ist es, eine Temperaturerhöhung von mehr als zwei Grad und damit einen "gefährlichen Klimawandel" zu vermeiden. Daraus kann dem Experten für Klimamodellierung zufolge mittlerweile abgeleitet werden, dass die Treibhausgasemissionen bis 2050 global um wenigstens die Hälfte im Bezug auf den 1990er Wert reduziert werden müssen. (apa)