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Klimaschutz: So
schlecht ist Österreich

Schwindende Gletscher in Tirol © Bild: Greenpeace / Mitja Kobal

China hat Österreich überholt, zumindest beim Thema Klimaschutz. Woran das liegt, welche Folgen der Klimawandel für Österreich hat und welche welche Maßnahmen zur Reduktion von CO2-Emissionen - Stichwort CO2-Steuer - wirklich Sinn machen.

In Österreich sind die durchschnittlichen Temperaturen laut Greenpeace-Report seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1880 um knapp zwei Grad Celsius angestiegen. Weltweit liegt der Anstieg bei circa einem Grad Celsius. Es drohen drastische Konsequenzen für unser Ökosystem: ein absinkender Grundwasserspiegel, die Einwanderung fremder Arten beziehungsweise die Verdrängung heimischer Arten und die Abnahme der Bodenqualität. Bereits jetzt schmelzen die österreichischen Gletscher - Trinkwasserreservoir und Kulturgut zugleich - weg. Immer öfter brennen die Wälder und sterben zahlreiche Fichten.

Lesen Sie hier: Die österreichischen Parteien im Klima-Check vor der Wahl

Klimasünder Österreich

Im aktuellen Klimaschutz-Index schneidet Österreich schlecht ab. Der Report wird jährlich von der Umweltorganisation "Germanwatch" und dem Berliner New Climate Institute erstellt. 56 Länder, auf die rund 90 Prozent der globalen, energiebedingten Emissionen entfallen, wurden untersucht. Das Fazit lautet: Kein Land erbringt seinen erforderlichen Beitrag, um die Erderwärmung auf deutlich unter 2 oder besser auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, wie im Pariser Klimaschutzabkommen beschlossen.

Die Rangliste erfasst die Ergebnisse von 14 Indikatoren aus insgesamt 4 Kategorien, wobei die Daten sich auf Berechnungen pro Kopf beziehen.

Index Kategorien

  • Treibhausgase (40% Gewichtung)
  • Erneuerbare Energien (20% Gewichtung)
  • Energieverbrauch (20% Gewichtung)
  • Klimapolitik (20% Gewichtung, bewertet von Experten aus dem jeweiligen Land)

Insgesamt konnten 100 Punkte erreicht werden, die Bewertung "Sehr gut" hat kein einziges Land erhalten, deshalb sind die ersten 3 Plätze im Ranking des Klimaschutz-Index unbesetzt.


Das letzte Kohlekraftwerk

Österreich landete, erneut abgeschlagen, auf Platz 36 hinter Ländern wie China, Indien, Rumänien oder Ägypten. "Aufgrund eines hohen Anteils an Wasserkraft wird Österreich in der Kategorie Erneuerbare Energien als gut bewertet. Allerdings wird das Land in der Kategorie Treibhausgase als schlecht eingestuft", heißt es im Bericht. Kritik üben Experten insbesondere an mangelnden Maßnahmen zur Reduktion des CO2-Ausstoßes im Verkehrssektor. Auch die laschen klimapolitischen Ziel und der Energieverbrauch werden kritisiert. Erstaunlich ist zudem: Österreich hat der Kohlekraft noch nicht den Rücken gekehrt. Das 35 Jahre alte Fernheizkraftwerk Mellach in der Steiermark ist das letzte Kohlekraftwerk Österreichs. Es soll nach Auslauf des Fernwärme-Liefervertrag mit der Stadt Graz im Jahr 2020 schließen. Erst Anfang August schloss in Niederösterreich das Kohlekraftwerk Dürnrohr. Fossil-thermische Kraftwerke, die als Energieträger Erdgas oder Heizöl verwenden, gibt es jedoch mehrere.

"In der Energieproduktion, bei Wärme und Strom, entfallen noch über 50 Prozent auf fossile Energien", sagt Jasmin Duregger, Klima- und Energieexpertin von Greenpeace Österreich. Die höchsten Emissionen fallen dabei in der Stahlindustrie an, aber auch Unternehmen wie der Kunststoffhersteller Borealis, die Erdölraffinerie in Schwechat oder Zementfabriken stoßen große Mengen an Treibhausgasen (THG) aus.

Dazu passt: Wie wird es in Österreich aussehen, wenn die Erderwärmung nicht gestoppt wird?

Ein Problem, das der Klimaschutz-Index aufdeckt: Global gesehen, geht es mit dem Ausstieg aus den fossilen Energien Kohle, Öl und Gas nur schleppend voran. Seit 2014 steigt die Emission von Treibhausgasen in Österreich stetig an. Seit 1990 verzeichnet Österreich ein Plus von 4,5 Prozent, wohingegen im selben Zeitraum EU-weit die Emissionen im Schnitt um 23 Prozent gesunken sind. Haupttreiber in puncto Treibhausgas-Emissionen ist in Österreich der Verkehr. Dort kam es zu einem Anstieg von 70 Prozent seit 1990. Und bisher fehlt es an Lösungen, um den Ausstoß auf diesem Sektor tatsächlich und langfristig zu senken.

Treibhausgas-Emissionen 2017
© Umweltbundesamt 2019

Expertin: "Es gibt keine nationale Strategie"

Der Europäische Rat hat 2014 beschlossen, dass der Ausstoß von Treibhausgasen in der EU bis 2030 um mindestens 40 Prozent (gegenüber 1990) abgesenkt werden muss. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace fordert eine Reduktion der Treibhausgasemissionen bis 2030 um 65 Prozent. Österreich hat die Zielvorgabe, die Treibhausgas-Emissionen bis 2030 um 36 Prozent zu senken. Und laut Prognosen für 2018 ist Österreich scheinbar auf einem guten Weg - aber eben nur scheinbar:

Nach der Prognose des Umweltbundesamtes wurden in Österreich im Jahr 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 3,8 Prozent weniger Treibhausgase emittiert. Doch die Zahlen spiegeln nicht wieder, wie gut Klimaschutzmaßnahmen greifen. Vielmehr sind ein milder Winter, der Ausfall eines Hochofens der "Voest" und der Rückgang der Stromproduktion in Erdgas-Kraftwerken für die gesunkenen Emissionen verantwortlich. "Es gibt keine nationale Strategie, wie wir das Emissionsreduktionsziel von 36 Prozent bis 2030 erreichen, nichts mit Hand und Fuß", sagt Klimaexpertin Duregger. Konkrete Maßnahmen, Budgets und Zielsetzungen würden fehlen. Genau das kritisiert der Klimaschutz-Index an Österreich. Denn der derzeitige nationale Energie- und Klimaplan überzeugt nicht. Ein Bericht der "European Climate Foundation" hat die Energie- und Klimapläne von 28 EU-Länder analysiert. Österreichs Entwurf landet nur auf Platz 19 (23,5 Punkte), weit abgeschlagen hinter dem Spitzenreiter Spanien (52,4 von 100 Punkten). Jetzt ist die Politik am Zug. Die österreichische Regierung muss den Plan bis Ende Dezember überarbeiten und an Brüssel senden.

Warum die CO2-Steuer kein "Allheilmittel" ist

In Österreich reißen sich Politiker - gerade in Wahlkampfzeiten - um populäre Themen wie den Klimaschutz. Plötzlich sind alle Parteien grün. Laut der Klimaschutzorganisation "Global 2000" seien sich alle Parteien einig, bis 2030 zu 100 Prozent auf erneuerbaren Strom zu setzen. Darüber hinaus machen sich die Grünen, Neos und Liste Jetzt unter anderem für eine CO2-Steuer stark, die FPÖ tritt allgemein für eine Dekarbonisierung des Verkehrs ein, die SPÖ will eine eingeschränkte CO2-Steuer (nur für die großen Klimasünder Europas) und den Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel (transeuropäische Hochgeschwindigkeitszüge sollen den Flugverkehr innerhalb Europas verringern) umsetzen und die ÖVP baut auf erneuerbare Energie im Straßenverkehr, durch Innovation wie beispielsweise Wasserstoff, biogene Kraftstoffe oder Elektrizität.

Eine Studie der europäischen NGO "Climate Action Network" (CAN) hat das Abstimmungsverhalten der österreichischen Parteien im EU-Parlament zum Thema "Klimawandel und Umweltschutz" analysiert. Wer am häufigsten für eine klimafreundliche Politik gestimmt hat:

Klimaschutz: Abstimmungsverhalten österreichischer Parteien im Europaparlament

Und wie wirksam sind die politischen Forderungen? Viele Experten sind sich einig: Die CO2-Steuer allein kann kein Wundermittel gegen die Klimakrise sein. Sie ist nur eine Maßnahme von vielen. Das gerne als Beispiel herangezogene Land Schweden führt seine Emissionsreduktionen bei genauerem Hinsehen ebenfalls nicht nur auf die CO2-Steuer zurück. Häufig werden nur die im Land selbst ausgestoßenen Treibhausgase erfasst, nicht aber die importierten CO2-intensiven Produkte. Das Wirtschaftsinstitut (Wifo) schlägt für Österreich eine Steuer von 120 Euro pro Tonne CO2 (in Schweden sind es derzeit 114 Euro pro Tonne CO2) vor. Damit sollen die Emissionen insgesamt bis 2030 um etwa drei Prozent gesenkt werden. Die Vorschläge der Politik liegen zumeist darunter, Experten fordern weit höhere Zahlen als jene vom Wifo.

Für Greenpeace-Expertin Duregger ist auf jeden Fall ein Klimaschutzbonus wichtig, damit Geringverdiener nicht von der Steuer belastet werden. Die Maßnahme könne jedoch eine Wirkung erzielen, indem das geänderte Konsumverhalten, die Produktion gelenkt wird. Werden weniger CO2-Produkte hergestellt, stärke das außerdem die regionale Wirtschaft.

»Wasserstoff klingt zu gut, um wahr zu sein«

Investitionen in den Schienen- und Nahverkehr sind laut Duregger sinnvoll. So sei der Zug beispielsweise 31 Mal klimafreundlicher als das Flugzeug. Aber die Forderung nach einem Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel ist mit Vorsicht zu genießen. Dazu müssten erst einmal die Infrastrukturen geschaffen werden. Vor allem am Land gebe es in Österreich noch massive Lücken. Die ebenfalls oft geforderte Streichung von klimaschädlichen Subventionen mache jedenfalls Sinn, denn immerhin würden dadurch 4,7 Milliarden Euro pro Jahr frei werden. Vor allem die Umsatzsteuerbefreiung für internationale Flüge solle fallen. Die Bahn müsste diese Steuer sehr wohl bezahlen, womit ein Wettbewerbsvorteil für klimaschädliche Verkehrsmittel gegeben sei.

"Wasserstoff klingt zu gut, um wahr zu sein", sagt die Klimaexpertin. Bei Wasserstoff-Motoren bestehe das Problem, dass der Energieverlust extrem hoch sei. Während hier der Wirkungsgrad an Energie bei lediglich 22 Prozent liegt, sind es beim Elektroauto 73 Prozent. Überschüssige Energien werde es kaum geben, sodass der hohe Energieverlust nicht zu rechtfertigen sei. Die E-Mobilität könne aber nicht die einzige Alternative sein. "Das alte Modell einfach nur gegen ein neues auszutauschen, reicht nicht", sagt Duregger. Man müsse sich breiter aufstellen, etwa mit dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Der Forderung nach einem Verbot von Verbrennungsmotoren (ab 2030 bei Neuzulassungen) schließt sich Greenpeace an. Allein schon deshalb, weil es ein wichtiger Treiber für die Umrüstung auf Alternativen sein kann.

Mögliche Lösungen

Der der dänische Politikwissenschaftler und Buchautor Bjørn Lomborg glaubt, dass nur technologische Innovationen helfen, um den Klimawandel zu bekämpfen. "Im Moment werden weltweit etwa 15 Milliarden Euro jährlich in die Erforschung grüner Technologien gesteckt. Nach meiner Überzeugung müssten es aber 100 Milliarden sein", sagte Lomborg gegenüber dem "Handelsblatt". Lomborg stellt in seinem Buch "Cool it" eine provokative These auf: Selbst mit einer "schnellen und drastischen Reduzierung des CO2-Ausstoßes würden wir die Folgen der Erderwärmung nur um einige Jahre hinauszögern können", heißt es in dem Buch. Das Geld, das zurzeit in den Klimaschutz fließt, sollte man stattdessen effektiver investieren: "etwa in die Bekämpfung von Epidemien oder in den Hochwasserschutz." Damit wäre den Menschen besser geholfen. Und er sagte im Interview mit dem "Handelsblatt": "Wenn man die Menschen daran hindert, durch die Welt zu fliegen, wie Greta Thunberg es fordert, werden sie das Geld für etwas anderes ausgeben. Und auch dieser Konsum wird CO2-Emissionen verursachen."

Was der Wissenschaftler anspricht, ist der sogenannte Rebound-Effekt: Wenn jemand etwas umweltfreundliches tut und dafür an anderer Stelle CO2-intensiver konsumiert - nach dem Motto: "Ich habe Ökostrom und muss daher nicht mehr so sehr aufs Stromsparen achten". Das treffe aber beim Thema Flugzeug nicht zu, sagt Duregger. Weil die Menschen dann mit dem klimafreundlicheren Zug oder Auto in den Urlaub fahren würden, wenn es die Möglichkeit des Fliegens nicht mehr gäbe. Und im Urlaub selbst werde weniger CO2-intensiv konsumiert. Die CO2-Bilanz erhöhe sich dadurch also nicht.

Die 10 größten CO2-Emittenten laut Klimaschutz-Index:

Rang Länder Punkte
11. Indien 62.93
22. Brasilien 59.29
25. Mexiko 56.82
27. Deutschland 55.18
33. China 49.60
38. Indonesien 48.68
49. Japan 40.63
52. Russland 37.59
58. Iran 23.94
59. USA 18.82

In Kopenhagen fragte eine Studie nach, warum die Bürger das Fahrrad so stark nutzen. Herausgekommen ist, dass sie es nicht aufgrund des Klimaschutzes machen, sondern weil es der schnellste und einfachste Weg ist. In diese Denkrichtung müsse es laut Duregger auch in Österreich auf regionaler Ebene gehen.

Die Gesellschaft braucht "eine Transformation in der Denkweise", sagt die Klimaexpertin, "aber die Verantwortung für den Klimaschutz darf nicht nur auf den Bürger abgeschoben werden, es braucht auch politische Maßnahmen."