Klimakrise fordert die Wissenschaftskommunikation

von Klimakrise fordert die Wissenschaftskommunikation © Bild: APA/APA/APA-Fotoservice/Schedl

(v.l.) Verena Mischitz ("Der Standard"), Daniel Huppmann (IIASA), Moderatorin Sandra Walder (APA), Johannes Stangl (CSH Vienna) und Isabella Uhl-Hädicke (Universität Salzburg)

Der Wissenschaftskommunikation kommt in der Klimakrise eine Schlüsselrolle zu, um mehr Wissen in die Gesellschaft zu bringen und eine gemeinsame Sprache zu finden. Dashboards für den schnellen Überblick, ein Kodex für eine klare Berichterstattung oder die mediale Vermittlung von Visionen, wie eine nachhaltige, gerechte Zukunft aussehen könnte, sind vielversprechende Ansätze, erklärten Expertinnen und Experten bei einer Diskussionsrunde in Wien.

"Es ist herausfordernd, nicht negativ zu kommunizieren und Horrorszenarien an die Wand zu malen. Medien versuchen gegenzusteuern, in dem sie positive Bilder aufzeigen, wie klimafreundliche, begrünte Städte aussehen können, in denen wieder Platz für die Menschen ist. Veränderung bietet viele Vorteile, wie mehr Bewegung oder bessere Luft", erklärte die Umweltpsychologin Isabella Uhl-Hädicke von der Universität Salzburg im Rahmen der von APA-Science veranstalteten Diskussion. Die Klimakrise zu betonen, führe hingegen zu einer gewissen Schockstarre.

Die Psyche der Medienkonsumenten ist das eine, die Fakten der Wissenschaft das andere. "Österreich wird oft als Umwelt- und Klima-Musterland dargestellt. Allerdings sind die Treibhausgasemissionen hierzulande heute genauso hoch wie im Jahr 1990. Zwei Drittel des Energieverbrauchs stammen aus fossilen Energieträgern und im Climate Change Performance Index 2023 liegt Österreich auf Platz 32 von 63", verwies Daniel Huppmann, Klima-und Energieforscher am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien, auf die aktuelle Situation.

Die Auswirkungen der Erderhitzung seien in Österreich bereits sichtbar. "Im Burgenland ist der Zicksee ausgetrocknet und in Wien sind im heurigen Hitzesommer deutlich mehr Todesfälle bei älteren Personen verzeichnet worden", so Huppmann. Die Wissenschaft könne Szenarien für den Ausstieg errechnen, aber nichts fordern. Dazu seien Verhandlungen auf einer anderen - politischen - Ebene, notwendig. Sehr wohl mehr Initiativen sollte es in der Wissensvermittlung geben. "Dafür existieren leider keine Strukturen im Wissenschaftsbetrieb. Man hat dafür keine Zeit. Eine dauerhafte Anstellung bekommt, wer viel forscht und publiziert", sagte der Experte.

"Es ist im aktuellen Wissenschaftssystem nicht vorgesehen, dass man in die Gesellschaft geht", bestätigte Uhl-Hädicke. Dabei wäre Expertise an solchen Stellen überaus wichtig. Als "reine Privatangelegenheit" schätzt auch Johannes Stangl die Wissenschaftskommunikation hierzulande ein. "In meiner Ausbildung gab es keinen einzigen Kurs zu Öffentlichkeitsarbeit. Die Universitäten sind stark gefragt, die Nutzbarmachung von Wissen in den Vordergrund zu stellen", forderte Stangl, der am Complexity Science Hub (CSH) Vienna forscht, Fridays for Future in Wien mitbegründet und wissenschaftliche Fakten in einem Klima-Dashboard aufbereitet hat. Außerdem brauche es mehr Kooperation zwischen Wissenschaft und Medien.

Medien müssten viel Zeit und Ressourcen aufwenden, um Einblick zu geben, wie Wissenschaft funktioniert und wie Fakten zustande kommen, "aber das Thema sollte uns das wert sein", betonte Verena Mischitz ("Der Standard"). Sie ist zudem Sprecherin der medienübergreifenden Initiative "Netzwerk Klimajournalismus Österreich", die kürzlich einen Entwurf für einen Klima-Kodex formuliert hat. Dabei geht es unter anderem um eine akkurate Wortwahl und Bebilderung, die Abgrenzung vom Aktivismus und die Unterscheidung von Meinung und wissenschaftlichen Fakten sowie die Bereitstellung entsprechender Ressourcen und Strukturen in Medienhäusern.

"Wichtig ist, Klimaschutz bei jedem einzelnen Thema und in jedem Ressort mitzudenken, weil er alle Bereich unserer Gesellschaft betrifft", so Mischitz. Noch seien kaum Visionen sichtbar, wie eine nachhaltige, gerechte Zukunft aussehen könnte. Dieses Bild werde in der Öffentlichkeit zu wenig gezeigt. Es gelte, "Themen so zu transportieren, dass mehr über bleibt als Verzweiflung", erklärte Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) in einer Videobotschaft. Das dürfe aber nicht dazu führen, aktivistisch zu berichten oder Sand in die Augen zu streuen.

Viele Menschen wären bereit, Umwälzungen mitzutragen, "wenn man ehrlich mit ihnen umgeht", so Stangl. Derzeit würden aber Apathie oder Verzweiflung vorherrschen, weil die Politik von Partikularinteressen getrieben sei. Das Thema Macht werde zu wenig thematisiert. "Wenn es um die Wärmewende geht, haben Betreiber von Gasnetzen kein Interesse aus Gas auszusteigen. Wir müssen einen Schritt zurück machen und aufzeigen, welche Interessen dahinter verborgen sind. Sonst stehen sich manche Aussagen gleichwertig gegenüber", sagte er bei der Veranstaltung.

Eine Aufzeichnung der Veranstaltung ist unter abrufbar.