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Kinder- und Jugendpsychiatrie: Laut Experten erst "auf halbem Weg"

Österreichweit sind die Hälfte der notwendigen Betten geschaffen worden - bei Kassenordinationen wurde erst ein Viertel des Zieles erreicht

In der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen sind österreichweit nach wie vor Defizite zu beklagen. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre sei österreichweit die Hälfte der notwendigen Betten geschaffen worden, bei den Kassenordinationen sei rund ein Viertel erreicht. In der Steiermark und dem Burgenland gibt es allerdings gar keine, wie Experten in Graz darlegten.

Vor zehn Jahren wurde in Österreich die Facharztausbildung für Kinder- und Jugendpsychiatrie etabliert, erinnerte Rainer Fliedl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (ÖGKJP), am Dienstag in Graz. Seither sei man "ein gutes Stück" weitergekommen: "Wir sind am halben Weg, aber noch nicht am Ziel", umriss Fliedl die aktuelle Situation im Vorfeld des 18. Kinder- und Jugendpsychiatrischen Symposiums von 11. bis 13. Mai im oststeirischen Pöllau.

Der Experte bezeichnete es als einen "Meilenstein" in der Entwicklung, dass es zur Versorgung der jungen Patienten "in fast allen Bundesländern" eigene kassenfachärztliche Ordinationen gibt. Insgesamt gebe es nunmehr 26 fachärztliche Niederlassungen, die ins Krankenkassensystem aufgenommen sind: "Damit haben wir vielleicht ein Viertel des Weges erreicht", relativierte Fliedl.

Die meisten Kassenordinationen (8) liegen in Niederösterreich, in Oberösterreich und Wien (jeweils fünf). "Die Steiermark und das Burgenland sind die weißen Flecken auf der Landkarte", kritisierte Doris Hönigl, Obfrau der Fachgruppe für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Ärztekammer Steiermark. Die Steiermärkische GKK habe im Herbst 2016 dezidiert abgelehnt, entsprechende Kassenstellen zu schaffen - "und das obwohl sich die österreichischen Sozialversicherungsträger dazu bereits 2013 bekannt haben", zeigte sich Hönigl verärgert.

Der steirische Gesundheitsfonds hat im November 2016 ein Versorgungskonzept vorgelegt. Es sieht verstärkte ambulante Versorgung mit multiprofessionellen Teams in den Regionen vor. Da entstehe "mehr so etwas wie eine qualifizierte Beratungsstelle, aber nicht eine kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanz. Dazu bräuchte es schon jeweils zwei Fachärzte und ein multidisziplinäres Team", beurteilte Fliedl die steirische Situation.

Im Bereich der stationären klinischen Versorgung der jungen Patienten seien etwa 50 Prozent der österreichweit notwendigen rund 850 Betten erzielt worden. Seit 2004 habe es bundesweit einen Zuwachs von 56 Betten im öffentlichen, intramuralen Versorgungsbereich inklusive der tagesklinischen Plätze gegeben, schilderte Katharina Purtscher-Penz, Leiterin der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am LKH Graz Süd-West. "Diesen Mangel spüren wir besonders in der Steiermark. Von den geplanten 74 Plätzen existieren nur 47 tatsächlich." Sie würde es sinnvoll finden, wenn die fehlenden Plätze als rund 20 Tagesklinikplätze an zwei Standorten in der Südost- und der Südwest-Steiermark geschaffen werden und der Standort LKH Graz Süd-West um zehn weitere Betten erweitert werde.

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