Kinder führen Leben als kleine Erwachsene:
Rahmenbedingungen haben sich verändert

Psychologinnen über Nesthocker, Leistung und Sex Wirtschaft manipuliert das junge Leben der Teenies

Kinder führen Leben als kleine Erwachsene:
Rahmenbedingungen haben sich verändert

Kann oder darf man heute noch Kind sein? Im Zeichen von steigendem Alkoholmissbrauch und sexuellen Erfahrungen bereits in jungen Jahren stellt sich immer öfter die Frage nach einer fehlenden oder zu kurzen Kindheit. Die Rahmenbedingungen hätten sich geändert, davon sind zwei Entwicklungspsychologinnen aus Wien und Graz überzeugt. Das könne aber nicht generell als positiv oder negativ gesehen werden. Als problematisch wird aber sehr wohl der steigende Leistungsdruck wie auch der Umgang mit Medien betrachtet.

"Kinder können heutzutage weniger am Leben der Eltern teilhaben", sagte Luise Hollerer, Entwicklungspsychologin aus Graz. Während diese früher in bäuerlichem Umfeld mit auf dem Feld gearbeitet haben, spielt sich ihr Leben zu einem großen Teil in Kindergarten und Krippen ab. Dadurch "sieht ein Kind nicht, wie die Mutter zum Beispiel als Computerprogrammiererin arbeitet." Zudem seien die heutigen Berufe oft von einer großen Komplexität geprägt, die Vorbereitung aufs Leben finde innerhalb der pädagogischen Stellen statt.

Kinder mit Erwachsenen-Problemen
Das müsse aber laut Hollerer nicht immer schlecht sein. "Natürlich sorgt eine Eins-zu-eins-Förderung durch die Eltern noch immer für beste Ergebnisse, auch weil die Aufmerksamkeit im Gegensatz zum Kindergarten nicht immer durch 25 geteilt werden muss." Genau dort haben die Kleinen aber auch die Chance, Kind zu sein, sagte die Entwicklungspsychologin. Denn durch neue Familienverhältnisse wie Alleinerzieher und Patchwork-Familien wären Kinder oft viel zu früh mit "Erwachsenen-Problemen" betroffen. So falle vor allem der schützende Geschwisterverband im Vergleich zu den Jahrzehnten zuvor weg.

Nesthocker
"Kindheit und Jugend als eigene Lebensabschnitte sind Ideen der Neuzeit", sagte Bildungspsychologin Christiane Spiel von der Universität Wien; die ersten entwicklungspsychologischen Studien entstanden erst Ende des 19 Jahrhunderts. Früher mussten Kinder ganz normal bei der Arbeit mithelfen, "das Kind wurde als kleiner Erwachsener gesehen", so die Expertin. Konkrete Aussagen über die Entwicklung der Kindheit im Laufe der Jahre könne man aufgrund von fehlenden repräsentativen Vergleichsstudien nicht treffen. Ebenfalls nicht bestätigen könne sie, dass der Nachwuchs jetzt früher erwachsen sein müsste: "Aktuelle Studien zeigen, dass junge Erwachsene wesentlich länger bei ihren Eltern leben und später zu Arbeiten beginnen." Grund dafür seien längere Studienzeiten und die am Arbeitsmarkt verlangten Zusatzqualifikationen. Diese Entwicklung sei aber auch sehr stark vom "sozio-ökonomischen Status" abhängig.

"Kindheit aus zweiter Hand"
Einen großen Unterschied zwischen dem Aufwachsen in der Stadt oder dem Land ist laut Hollerer immer öfter zu beobachten. "Viele Studien zeigen, dass Kinder vom Land motorisch weiterentwickelter sind." Die freie Natur, viel Bewegung und auch eine intensiviere Betreuung zu Hause trage dazu bei. Hier sieht sie auch die größte Gefahr in den nächsten Jahren: "Was vielen Kindern in den nächsten Generation abhandenkommen wird, sind die allsensorischen Erfahrungen." Sinne wie Riechen, Schmecken und Hören werden durch Computer und Fernseher nicht mehr in dem Maße wie zuvor stimuliert, Hollerer spricht von einer "Kindheit aus zweiter Hand".

Wirtschaft will Kinder verändern
Diese "Mediatisierung der Kindheit" habe laut Hollerer zwei Seiten: "Einerseits ist es eine gute Möglichkeit, früher Zugang zu vielen Dingen zu erhalten", andererseits sei der Druck durch die Medien aber "unbestritten". So seien zum Beispiel Altersbeschränkungen bei Kinofilmen besonders in Österreich viel zu niedrig angesetzt, kritisiert Hollerer. Auch die Modeindustrie trage ihr Scherflein dazu bei: "Die Wirtschaft hat Interesse daran, die Kindheit zu verändern. Die Erwachsenenwelt wird durch wenig kindgerechte Kleidung auf sie übertragen." Mädchen, die sich sehr nach dem neuesten Trend kleiden, seien daher auch stärker und früher mit Sexualität konfrontiert. Die Rahmenbedingungen hätten sich geändert, glaubt auch Spiel. "Das Internet ist zum Lebensbestandteil geworden und es gibt viel mehr Angebote." Werden Computer und Fernsehen aber im gesunden Ausmaß genutzt, sieht sie keine Probleme. Außerdem "können Jugendliche meist viel besser mit Reizüberflutung umgehen als ein Erwachsener".

Leistungsgeneration
Zum Thema "Schule und Leistung" schlagen beide Psychologinnen in die gleiche Kerbe: Die 70er Jahre waren laut Hollerer stark vom Leistungsdruck geprägt, in den folgenden zwanzig Jahren gab es eine Trendwende hin zur "Kuschelpädagogik" und "Integration der Bedürfnisse". Jetzt werde wieder stark in Richtung Leistung gedrängt, sagte die Psychologin, vor allem die PISA-Studie habe diese Phänomen weiter angekurbelt. Für Spiel ist das die "logische Konsequenz" vor allem aus Berichten über hohe Arbeitslosigkeit und der wirtschaftliche Situation: "Die Eltern erhöhen den Druck, was natürlich auch damit zu tun hat, dass sie für ihre Kinder die besten Chancen wollen." (apa/red)