Lernen von

Der Marshmallow-Test

Was es über Ihr Kind aussagt, wenn es den "Naschimpuls" unterdrücken kann

Marshmallow-Experiment © Bild: Thinkstock

Was passiert, wenn man ein Kind und ein Marshmallow in einem Raum alleine lässt? Man muss kein Psychologe sein, um zu wissen, dass die weiße-fluffige Schaumzuckerware schneller verschwunden ist, als man "Marshmallow" sagen kann. Überraschender fällt das Ergebnis aus, wenn man das Kind vor die Wahl stellt: "Möchtest du das Marshmallow gleich essen oder lieber warten und als Belohnung dafür noch ein zweites bekommen?" Ein Forscher hat es ausprobiert und erstaunliche Zusammenhänge zwischen dem Verhalten des Kindes und dessen spätere Karrierechancen und Lebensglück festgestellt.

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Die Idee stammt von dem österreichischen Psychologen Walter Mischel. Schon in den 1960er Jahren versuchte er mit dem Marshmallow-Test herauszufinden, wie stark die Fähigkeit von Kindern ist, sich selbst zu kontrollieren: "Meine Töchter waren drei, vier und fünf Jahre alt", erinnert sich Mischel in einem Interview mit Zeit Wissen. "Ich beobachtete das Wunder ihrer Verwandlung: Kurz zuvor waren sie noch hilflose Babys, unkontrollierte Opfer ihrer augenblicklichen biologischen Bedürfnisse – mal war ihnen kalt, mal hatten sie Hunger –Kreaturen, wie Freud sie beschrieben hat. Und nun konnten sie auf einmal sprechen, zuhören, sich sogar selbst instruieren. Ich wollte herausfinden, was sich in ihren Köpfen tat."

»Ich wollte herausfinden, was sich in ihren Köpfen tat.«

Marshmallow als Orakel für Karrierechancen?

Erst Jahrzehnte später sollte Mischel herausfinden, dass das Experiment viel mehr verrät, als ursprünglich gedacht. "Es gibt tatsächlich einen Zusammenhang zwischen dem Verhalten eines Kindes, das vor einem Marshmallow sitzt, und dem weiteren Erfolg im Leben. Das zeigt sich Jahrzehnte später bei den Schulabschlüssen, bei den Uni-Noten oder sogar darin, dass man stabilere Beziehungen hat", erklärt der Psychologe. Inzwischen verfolgen er und seine Kollegen das Leben ihrer Versuchsteilnehmer schon seit mehr als vierzig Jahren.

So funktioniert's

"Im Uni-Kindergarten von Stanford waren damals gerade Beobachtungsräume mit Glaswänden eingebaut worden", rekonstruiert der Psychologe das Experiment. "Dort haben wir Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren zum Spiel eingeladen, immer einzeln. Wer sich für das Warten entschied, musste allein in einem leeren Raum sitzen, das Marshmallow oder eine andere Süßigkeit vor sich auf dem Tisch. Daneben lag eine Glocke, mit der die Kinder ihren Betreuer herbeiklingeln konnten, wenn sie es nicht mehr aushielten. Dann gab es aber keine Belohnung. Durch die Glasscheibe konnten wir beobachten, was bis dahin geschah."

Das Ergebnis: Die meisten Kinder hielten dem "Naschimpuls" nur schlappe ein- bis eineinhalb Minuten stand. "Viele haben praktisch gleich geläutet, nachdem die Tür zugegangen war", beschreibt Mischel. Diese Kinder wurden die "Low Delayer" genannt. "Manche hielten aber auch durch, bis sie nach 15 Minuten ihre Belohnung bekamen. Das sind unsere High Delayer, sie waren in der Lage, ihren Belohnungswunsch sehr lange aufzuschieben."

Zehn Jahre später

Mischel unterhielt sich mit seinen inzwischen erwachsenen Töchtern darüber, was aus ihren früheren Kindergartenfreunden geworden ist. Dabei sei ihm aufgefallen, dass diejenigen, die damals schon sehr ungeduldig waren, öfter Probleme hatten und umgekehrt bei den Disziplinierten alles ziemlich gut lief. Er beschloss den Lebensweg der Kinder systematisch zu verfolgen.

Dabei stellten die Forscher fest: "Die High Delayer besaßen eine höhere Konzentrationsfähigkeit als die anderen. Sie konnten besser mit Frustrationen umgehen, waren selbstbewusster, erzielten bei Intelligenztests höhere Werte und hatten die besseren Schulnoten. Zwanzig Jahre später besaßen sie häufiger einen Uni-Abschluss, ihre Beziehungen waren stabiler, sie nahmen seltener Drogen, und sie waren schlanker als die Low Delayer. Und so ging es in den folgenden Jahrzehnten immer weiter: In allen möglichen Facetten des Lebens blieben auffällige Unterschiede."

Das Experiment stützt sich insgesamt auf Erfahrungen mit mehr als 600 Probanden und mittlerweile haben auch Studien anderer Forscher die Ergebnisse gestützt.

Was, wenn mein Kind nicht warten kann?

Doch für Eltern von tendenziell ungeduldigen Kindern gibt es Hoffnung: "Nicht jeder, der beim Marshmallow-Test schlecht abschneidet, hat ein miserables Leben vor sich", meint Mischel. "Das ist wie bei Zigaretten: Statistisch ist klar, dass Raucher früher sterben, aber einige werden trotzdem über 90 Jahre alt." Außerdem könnten Menschen ändern: "Zumindest ein Viertel unser Versuchsteilnehmer hatte sich bei späteren Folgestudien verändert – aus Low Delayern waren High Delayer geworden. Bei einigen war es allerdings auch umgekehrt." Warum das so ist, konnte noch nicht geklärt werden. "Aber eines wissen wir: Bestimmte Strategien helfen uns, die Selbstkontrolle zu verbessern. Man kann sie sogar trainieren", verspricht Mischel.

So lernt Ihr Kind Selbstdisziplin

"Wir können ändern, was die Dinge mit uns machen, indem wir anders über sie denken. Das ist die Kraft der Gedanken", rät Mischel, wenn es darum geht, Selbstkontrolle zu üben. "Wenn ich zum Beispiel an Diabetes erkranke, dann ist es für mein Überleben wichtig, dass ich einem Stück Kuchen eine andere mentale Bedeutung zuschreibe – dass ich in ihm nicht mehr eine leckere Nascherei sehe, sondern Gift. Ein anderes Beispiel: Wenn Ihre Tochter für die Klassenarbeit üben will, aber versucht ist, lieber mit Freunden Pizza essen zu gehen, dann sollte sie sich genau ausmalen, wie es sein wird, wenn sie ihren Test zurückbekommt und eine tolle Note darunter steht, wie die Lehrerin sie loben wird und wie sie nach Hause zu ihrem Papa kommt. Die Gedanken auf das Ziel zu fokussieren, das man erreichen möchte, ist eine sehr wirksame Methode!"

Wenn-dann-Pläne

"Selbstkontrolle funktioniert am besten, wenn wir sie habituell machen. Dabei helfen Regeln, Vorsätze und Wenn-dann-Pläne. Letztere seien zum Beispiel: "Wenn ich ins Bett gehen will, dann putze ich mir vorher meine Zähne. Oder: Wenn ich Hausaufgaben mache, dann schalte ich die Textnachrichten auf meinem Handy aus."

Mischel ist sich sicher: "Selbstdisziplin sollte schon im Kindergarten gefördert werden." Aber: Eine gute Selbstkontrolle alleine reiche nicht, um erfolgreich zu sein: "Ein Leben voller Selbstkontrolle ist wie ein ungelebtes Leben, genauso schrecklich wie ein Leben ohne jede Selbstbeherrschung."

"Eltern sollten ihren Kindern auf jeden Fall ein gewisses Maß an Selbstdisziplin vorleben", beharrt Mischel. Und wenn Eltern etwas versprechen, sollten sie es unbedingt einhalten. Sonst zerstören sie das nötige Vertrauen. "Wir haben auch einmal getestet, was passiert, wenn man den Kindern das versprochene zweite Marshmallow nicht gibt. Sie lernen dann schnell, dass nur sicher ist, was sie im Mund haben. Dann wartet keiner mehr."

»Wenn Eltern etwas versprechen, sollten sie es unbedingt einhalten.«

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