Fakten von

Die Kinder des IS

Ein Elfjähriger berichtet über die Zeit seiner Gefangenschaft bei der Terrormiliz

Kindersoldat © Bild: Mahmud Hams/AFP/Getty Images

Gut eineinhalb Jahre ist es her. Da wurde der damals zehn Jahre alte Ahmed* angewiesen, seine Arme zu heben. Die Order kam von IS-Terroristen, die kurz zuvor Ahmeds Heimatdorf Kocho eingenommen hatten. Und sie hatte einen bestimmten Grund: Die Terroristen wollten wissen, welche Kinder bereits Achselhaare hatten. Jene, die noch kahl unter den Armen waren, wurden zu Kindersoldaten ausgebildet. Alle anderen wurden erschossen. Ahmed hatte "Glück". Er hatte noch keine Achselhaare.

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Im August 2014 nahm die Terrormiliz IS (Daesh) die beiden Yeziden-Dörfer Kinije und Kocho ein. Augenzeugen zufolge mussten allein in Kocho über 800 Menschen ihr Leben lassen. Männer wurden von Frauen separiert. Buben von Mädchen. Frauen und Mädchen wurden versklavt. So auch Ahmeds zwei jüngere Schwestern, wie "International Business Times" berichtet. Jene Buben, die noch jung und damit formbar genug waren, wurden zu Kindersoldaten ausgebildet. Die Männer wurden umgebracht. Die Jüngsten unter den Opfern waren gerade mal zwölf Jahre alt.

Ausbildung zum Kindersoldaten

Ahmed hatte "Glück" - sofern man in diesem Zusammenhang das Wort "Glück" überhaupt verwenden kann. Er erwies sich als jung genug. Er durfte weiterleben. Dafür aber stand ihm eine Ausbildung als Kindersoldat bevor. Gegenüber "IBTimes UK" berichtet er von seinen Erlebnissen in Gefangenschaft des IS: "Bei Daesh ging ich nicht mit Mädchen zur Schule. Ich habe kein Mathe gelernt. Ich ging zu einem Ort mit vielen anderen Kindern. Wir lernten Waffen zu benutzen. Wir waren etwa 60 bis 70 Buben - Mädchen waren nicht zugelassen." Die Buben mussten Uniformen tragen und bekamen bereits verschiedene Aufgaben zugeteilt, etwa als Waffenträger, Bodyguard oder Selbstmordattentäter.

"Ich war ein sehr guter Bub. Wir lernten, Waffen auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen, und wie man sie lädt. Wir lernten, wie man Granaten sehr weit wirft. Lange Zeit rannten wir sehr viel", erzählt Ahmed gegenüber "IBTimes UK". Neben der militärischen Ausbildung bekamen die Kinder Islamunterreicht. Sein Lehrer war "alt" und "böse", wie Ahmed berichtet, der im Laufe seiner Ausbildung Zeuge zahlreicher Morde wurde.

Familie mehrmals verkauft

Neun Monate lang lebte Ahmed zusammen mit seiner Familie in IS-Gefangenschaft. Diese musste sich einen Raum teilen, den sie nur verlassen durfte, um auf die Toilette zu gehen. Mehrmals wurde die Familie verkauft und an verschiedene Orte im Irak und in Syrien verschleppt. Dann gelang ihr mithilfe eines geheimnisvollen Netzwerks, das sich der Befreiung von IS-Gefangenen verschrieben hat, die Flucht. Ahmed und seine Familie wurden von ihrer eigenen Verwandtschaft zurückgekauft. Heute lebt Ahmed in Stuttgart in einem Heim mit 70 anderen Frauen und Kindern.

Nach Deutschland kam er im Zuge eines Flüchtlingsprogramms, das speziell für Frauen und Kinder ins Leben gerufen wurde, die den Fängen des IS entkommen konnten. Seine Mutter ist im Irak geblieben. Sie wartet auf Antwort ihres Mannes, Ahmeds Vater. Hunderte Männer, die dem Einfall des IS in Kocho zum Opfer gefallen sind, werden noch vermisst. Ob Ahmeds Mutter je Antwort bekommen wird, ist ungewiss.

*Der Name des Buben wurde zum Schutz seiner Identität geändert.

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