Fakten von

Andreas Khol:
Der Reiseleiter der Macht

Ein lang gedienter ÖVP-Politiker, den man respektiert, aber nicht liebt

Fakten - Andreas Khol:
Der Reiseleiter der Macht © Bild: imago/SKATA

Sie haben ihn einfach Bruno genannt, die Kinder. Den Enkelsohn von Andreas Khol, die reine Provokation. Eine der Töchter des konservativen Politikers, mit einem Sozialdemokraten verheiratet, lässt ihr erstes Kind also nach dem roten Idol Bruno Kreisky taufen - und Khol regt sich nicht auf, nein, er findet das amüsant und erzählt die Geschichte gerne. Genauso wie die: "Sehr lustig war auch, wie dieser Schwiegersohn, als er mit meiner Tochter umging, am Sonntag zum Mittagessen mit der ,Volksstimme' unterm Arm gekommen ist." Andreas Khol lacht, seine Bonmots mag er selbst auch ganz gerne.

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Bei den Khols zu Hause ist so etwas wie neutraler Boden, ein Ort des Ausgleichs von Gegensätzen. Ein helles, modernes Haus im gepflegten Hietzing, mit Herrgottswinkel und vielen Bildern. Auch zeitgenössische Kunst, Exponate von seinem Sohn, dem Maler: Da über dem Esstisch die Nordkette, der Blick auf die Berge von der Innsbrucker Wohnung aus, da oben auf der Galerie die abstrakten Orchideen. Und mittendrin der lange Holztisch, an dem damals auch die wichtigsten Leute der schwarz-blauen Koalition Wolfgang Schüssels saßen. Im Arbeitszimmer von Khols Frau Heidi besiegelten Schüssel und Jörg Haider die Wende.

Und jetzt ist der Obmann des ÖVP-Seniorenbundes mit 74 Jahren wieder an der Front. Plötzlich Bundespräsidentschaftskandidat, als undankbare Nummer zwei nach Erwin Pröll in die Schlacht aufgebrochen. Der Kampagnenstart verläuft auch eher holprig, es gibt schnell einen Wechsel beim Kampagnenleiter.

In ersten Umfragen ist der lang gediente ÖVP-Politiker Khol, der Mann mit dem sinisteren Blick und der akkurat geraden Körperhaltung zur dezent gemusterten Krawatte, sogar das Schlusslicht. "Die meisten Umfragen sind Politik, ich weiß, wie Umfragen gemacht werden", sagt Khol, ganz Profi. Jetzt kämpft er sich nach vorne ins Mittelfeld. Alexander Van der Bellen, einstiger Grünen-Chef, ist bisher Umfragekaiser -für einen Kandidaten der ÖVP eine harte Ausgangslage, hinter einem Grünen, der jetzt als Unabhängiger antritt, herzujagen. "Ja, es wird schwer. Aber das Publikum liebt Aufholer", sagte der neue Kampagnenleiter Thomas Kratky bei der Eröffnung des Wahlkampfbüros. Ein ehrlicher Moment im nicht ganz ehrlichen Geschäft.

Der Verfassungsjurist Khol ist immer ein einflussreicher Politiker, aber nie in der ersten Reihe, nie Minister -eine Parallele zu Bundespräsident Heinz Fischer.

Der Staatsdiener als Nummer eins?

"Khol ist eine Verkörperung der Res Publica. Natürlich nicht der Strahlemann, den ich mir gleich für so eine Rolle aussuchen würde. Aber für die erste Reihe ist er wohl noch immer geeigneter als manch andere, die heute schon in der ersten Reihe stehen", sagt der PR-Berater Rudolf Fußi. Kann einer, der so sehr Staatsdiener ist, nun auch eine gute Nummer eins darstellen? Das fragen sich viele. Sein Verhältnis zur Macht sei jedenfalls kein erotisches, sagt Khol: "Macht ist im Rechtsstaat auch immer die Pflicht, Gesetze zu beachten. Ein Allmachtgefühl gibt es in einem Rechtsstaat nicht." Mit seiner Frau sieht sich der Politiker, der sonst kaum Unterhaltungsfernsehen konsumiert, jetzt auch die amerikanische Serie "House of Cards" an, in der es um Machtkampf und Intrigen geht -natürlich nur aus rein akademischem Interesse. Alles sehr spannend, aber grob überzeichnet, befindet Khol. Da gäbe es ja niemanden, mit dem er sich identifizieren könne, nur Bösewichte.

Er selbst definiert sich harmlos. "Ich war Reiseleiter während meines Studiums, das ist einer, der den Menschen etwas nahebringt. Meine Frau sagt: Alles, was du in deinem Leben gemacht hast, war immer ein Reiseleiter unter verschiedenen Umständen und auf verschiedenem Niveau."

Diskutieren, polemisieren, Ränke schmieden, das ist allerdings auch seine Welt. Als Direktor der Politischen Akademie der ÖVP, Abgeordneter, Klubobmann, Nationalratspräsident und zuletzt Seniorenbund-Chef hat er bisher gerne die Fäden im Hintergrund gezogen. Nun steht er alleine in einem Persönlichkeitswahlkampf. Noch ungewohnt, auch wenn er das nicht so sehen will. Er habe ja schon als Abgeordneter in Tirol die Täler bearbeitet, bis ins hinterste Wipptal sei er da gefahren, sagt Khol.

Karl Blecha, Präsident des SPÖ-Pensionistenverbandes, war im Kampf für die Interessen der grauen Panther Khols Weggefährte der letzten zehn Jahre. Er erlebte den Schwarzen auch im Nahkontakt mit der Klientel, den Senioren. "Bei Veranstaltungen ist er offen für die Leute, rennt nicht gleich weg zum nächsten Termin", sagt Blecha. "Und er ist da in keiner Weise arrogant, auch wenn das im Fernsehen bei ihm manchmal so rüberkommen mag."

Khol und die "roten Gfrieser"

Großbürger, Zuchtmeister, Ideologe, Architekt der schwarz-blauen Regierung, bekennender Katholik und tiefschwarz unterwegs: So holzschnittartig beschreiben viele den Politiker Khol. Er ist gegen die Homosexuellen-Ehe eingetreten, wollte Gott in die Verfassung schreiben lassen und war ein Vorkämpfer der Bürgergesellschaft, die von tüchtigen Bürgern ausgeht, die den Sozialstaat mit ihrem Engagement entlasten - oder zurückdrängen, je nach Betrachtungsweise. Ideologie-Debatten führt Khol gerne, da kommt beim Gespräch im Wohnzimmer der Welterklärer in ihm durch.

Herr Khol, wo ist denn die Volkspartei heute noch christlich-sozial, wenn ÖVP- Politiker Obergrenzen für Flüchtlinge und Kürzungen bei der Mindestsicherung einfordern? "Christlich-sozial zu sein heißt, Verantwortung für das Gemeinwohl zu haben: Die Obergrenzen sind absolut moralisch rechtfertigbar, das Gleiche gilt für die Mindestsicherungsdebatte. Die katholische Kirche vertritt ja die Hilfe zur Selbsthilfe als eines der wesentlichen Prinzipien und die Subsidiarität", sagt Khol.

Andreas Khol sei nicht einfach ein Hardliner, sondern vielschichtiger, meint der Politologe Anton Pelinka, der den ÖVP-Politiker seit dessen Zeit als Lehrender an der Uni Innsbruck in den 1980er-Jahren kennt. Einerseits gebe es Khols bösen Satz von den "roten Gfriesern" im ORF, die er nicht mehr sehen wollte, aber auch die versöhnlichen Worte zu Heinz Fischers Abschied als Nationalratspräsident, "Heinz, du warst ein großer Präsident". Er beherrsche beides, sagt Pelinka: "Da Vulgär-Popularisierung, hier Staatsmann."

Den Hang zur Ironie, der gerne auch einmal in eine zynische Pointe abgleitet, muss Khol jetzt als Hofburg-Anwärter kontrollieren, einen Heinz Fischer in zynisch will das Volk ja eher nicht. Khols berühmter Rechtfertigungssatz für die schwarz-blaue Koalition, "Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit" , beschreibt seinen Pragmatismus recht gut. Im Sinne von Max Weber sei er eben ein Verantwortungsethiker, erklärt Khol: "Der Gesinnungsethiker hat hohe Prinzipien und versucht, die durchzusetzen, der Verantwortungsethiker schaut immer, was bedeutet das in der Praxis."

Mit seiner Art hat er sich auch in der eigenen Partei genug Gegner gemacht, liberale Altvordere wie Erhard Busek oder Heinrich Neisser. Ferry Maier, langjähriger ÖVP-Politiker und heute rechte Hand von Flüchtlingskoordinator Christian Konrad, sieht allerdings ein historisches Verdienst Khols, für ihn "ein ideologischer Pragmatiker und Verwandlungskünstler":"Er hat damals im Bundesvorstand Karl-Heinz Grasser als Vizekanzler und ÖVP-Chef verhindert. Ohne Khol wäre die Partei heute eine andere - und er wohl nicht Kandidat." Parteikollege und Freund Bernhard Görg denkt bei Khol gar an einen poetischen Filmtitel: "Ein Mann für jede Jahreszeit", das passt im Positiven für ihn. Er kann sich in neue Situationen voll hineinversetzen und daraus für sich Vergnügen schaffen."

Die heile Welt von Khol und Blecha

Diese Beweglichkeit hat Khol auch als Pensionistenvertreter genutzt. "Als der Andreas 2006 die Funktion übernommen hat, war ich schon skeptisch, weil wir früher viele ideologische Sträuße ausgefochten haben", erinnert sich Blecha. Doch dann sei der Schwarze ein "hundert Prozent guter Partner gewesen, vor allem am sachpolitischen Erfolg interessiert, da hätte sich die rot-schwarze Regierung etwas abschauen können." Zumindest in der Seniorenpolitik ist die rot-schwarze Welt noch heil.

Wahrscheinlich auch, weil Khol kein fader Reaktionär ist, sondern ein Schwarzer mit vielen Tönen von Grau: Wertkonservativ und unbeirrt in manchen politischen Fragen, liberal und diskursfreudig in seinem persönlichen Umfeld. Besonders anschaulich sieht man das an seiner Familie, die nur auf den ersten Blick dem bürgerlichen Durchschnitt entspricht. Sechs Kinder, ein Rudel Enkel, seine Frau, mit der er goldene Hochzeit gefeiert hat; eine Partnerin, die immer an seiner Seite die Laufbahn unterstützt, wegen der Kinder erst spät den Beruf als Religionslehrerin ergreift und auch heute bei jedem Fotoshooting darauf achtet, wie ihr Mann gerade schaut: Kinn tiefer, Blick bitte entschlossen, Heidi Khol hat klare Vorstellungen. Eine selbstbewusste Frau, die in der Öffentlichkeit aber lieber mehr im Hintergrund bleibt.

Khol stammt aus Südtirol, wächst dort in einer schönen Villa auf und muss das Land 1946 als kleiner Bub verlassen; der Vater ist schon nach Innsbruck ausgewiesen worden. Der Moment an der Brenner-Grenze, als er und die Schwester den Gendarmen übergeben werden -bis heute ein Trauma für ihn. Die Khols sind wie viele andere Familien damals "einfach arm, die Eltern haben bei null angefangen. Ich bin schnell gewachsen, meine Hosen wurden angestückelt, und das hat man gesehen", sagt Khol.

Khols Kinder gegen Schwarz-Blau

Seine eigenen Kinder besuchen die Waldorfschule, haben ihre eigenen Ideen. Eine Tochter lebt in London, Sohn Julian wird Model, studiert Malerei und heiratet die deutsch-türkische TV-Moderatorin Nazan Eckes. Kunst ist überhaupt ein Thema bei den Khols, das Faible des bürgerlichen Politikers für Peter Handke und Elfriede Jelinek ist wohl auch ein wenig kokett, um sich von den weniger Geistreichen abzugrenzen. Politischen Debatten geht Khol nie aus dem Weg, die hatte er damals, im Jahr 2000, auch zu Hause, erzählt er: "Es gibt einen Sohn, der am Heldenplatz gegen Schwarz-Blau demonstriert hat, und eine Tochter, die sich sogar öffentlich von mir distanziert hat. Ein Schwiegersohn hat wegen der schwarz-blauen Koalition ein Jahr lang kein Wort mit mir geredet. Heute sind wir im besten Einvernehmen."

Die Zeit der schwarz-blauen Wende war die prägendste seiner Laufbahn. Er bereitet die umstrittene Zusammenarbeit mit Haiders FPÖ vor und spielt den gestrengen Klubobmann, der gemeinsam mit seinem blauen Klubchefkollegen Peter Westenthaler die Geschäfte führt. Zerwürfnisse prägen diese Zeit, auch mit Freunden wie Bernhard Görg. Der damalige Wiener ÖVP-Chef stimmt im Parteivorstand gegen Schwarz-Blau, Khol habe ihm dann erklärt: "Bernhard, du stellst dich gegen die Geschichte, das ist nicht gescheit." Der Konflikt ist längst beigelegt, Görg und Khol werden noch in schwarz-blauen Zeiten Nachbarn mit Ferienhaus am Ossiacher See. Einig werden sie sich im Streitpunkt aber nie. "Andreas glaubt noch immer, dass Schwarz-Blau eine gute Sache war", sagt Görg.

Wir wollen das Land verändern, das war damals das Motto der Schüssel-Regierung. Doch man wollte mit dem blauen Partner wohl vor allem die ÖVP aus der ewigen Rolle des kleinen Koalitionspartners der SPÖ retten. Für großes Bedauern bleibt da kein Platz, auch wenn Khol die fragwürdigen Sitten, die unter Schwarz-Blau zwischen Politik und Wirtschaft eingerissen sind, heute auch mit leiser Selbstkritik betrachtet: "Wir haben geglaubt, dass alle die gleichen Rechtsstaatsvorstellungen haben wie wir. Es hat sich bei manchen Exponenten später erwiesen, dass diese Vorstellung naiv gewesen ist", sagt er. Grünen-Chefin Eva Glawischnig hat den Schwarzen als junge Abgeordnete von seiner untergriffigen Seite kennengelernt, "eine wunderschöne Marxistin" nannte er sie einmal: "Er war das harte Gesicht von Schwarz-Blau, ein sehr harter Gegner, ein guter Jurist. Für mich steht er vor allem für das Konzept ,Speed Kills', die Politik des Drüberfahrens unter der schwarz-blauen Regierung."

Für seinen blauen Ex-Kollegen Peter Westenthaler bleibt die Erinnerung ungetrübt, Khol sei für ihn ein "väterlicher Freund" gewesen: "Er war nach innen ein Versöhner. Das ist ja legendär, wenn es Konflikte in der Koalition gab, hat er zu sich nach Hause geladen und Heidi Khol hat uns rührend bekocht." Familiäre Abende in Hietzing, auch ein Politik-Rezept Khols.

Und jetzt ist Wahlkampf und Andreas Khol rennt. Jeden Tag um 5.30 Uhr aufstehen, quer durchs Land fahren -er wirkt fast übermotiviert. Kinder und Enkel haben eine eigene Social-Media-Gruppe mit Wahlkampfbeobachtungen für ihn zusammengestellt, da liest er dann täglich aufbauende Meldungen seiner Truppe. Doch gerade jetzt sollte Khol aufpassen. Er wirkt in der politischen Debatte schnell rechthaberisch. "Lasst ihn lieber nicht viel zum Wahlkämpfen nach Tirol, sondern mehr im Fernsehen auftreten, das kann er gut", ätzen manche Parteikollegen. Als Sympathieträger war Khol bisher weniger unterwegs, außer beim Seniorenbund - seine Lieblingsrolle, weil er dort viel mit Menschen zu tun hatte, sagt er. "Er war damals an der Universität nicht so beliebt, weil er einen wahnsinnigen Ehrgeiz ausgestrahlt hat", sagt Politikwissenschafter Pelinka. "Das ist keine zufällige Parallele zu Wolfgang Schüssel: Beide waren keine geliebten, aber respektierten Politiker", sagt Politik-Berater Fußi. "Sympathie erringt man durch seine Amtsführung. Heinz Fischer hat sie durch seine Bescheidenheit, durch seine sehr sympathische Frau und durch seine offene Art errungen. Ich denke, genauso würde ich das auch machen", sagt Kandidat Khol.

Wenn da nicht der Intellekt wäre, der einem beim Beliebtsein in die Quere kommt. "Ein Intellektueller ist immer in Gefahr, überheblich zu wirken, wenn er sein Wissen nach außen trägt", sagt der Politiker. Und das tun Sie nicht, das Nach-außen-Tragen? Andreas Khol macht eine Pause: "Ich bemühe mich, es nicht zu tun." Und Frau Khol lacht im Hintergrund.

Aus dem "News" Nr. 9/2016 05.03.2016

Kommentare

Erwin Pröll muss sich biegen vor lachen.
Es waren immer die westlichen Bundesländer die ihn als Kandidat verhindert haben. Nun liegt Khol in Umfragen weit hinten.



Entweder Khol oder Hundstorfer. Das wird letzten Endes nicht zu verhindern sein. V.d.Bellen mag gute Umfragewerte haben. Einer Stichwahl hält er nicht stand.
Also wird alles so bleiben in Österreich, wie es war, weil wir es immer so gemacht haben, und weil da a jeder kommen könnt um alles zu ändern.
Niemand schützt uns vor diesen rot-grün-schwarzen Beamtentypen.
Außer wir wählen sie nicht.


carlos1958 melden

Haben SPÖ und ÖVP und Grüne schon soviel Angst, das sie Hofer anpatzen müssen? Hofer der beste Kandidat, die anderen ins Altenheim!

steefi melden

genau, wenn die Blauen einen Esel aufstellen würden, dann würden ihn wahrscheinlich ein Großteil der Blauen Wählerschaft auch wählen-stimmts? Der einzige Kandidat, der das Parteilogo mit auf dem Plakat hat-soviel zur Überparteilichkeit. Aber sonst weis ja kein FPÖler, wer ihr Kandidat ist. Ein Präsidentschaftskandidat, der nicht mal Maturaniveau besitzt-lächerlich.

neusiedlersee melden


Ich dachte hier wird über Khol geredet und ob der präsidentenwürdig ist.

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