Kernkraftwerk von

Mochovce: Eine Frage der
Zeit, bis was passiert?

Kernkraftwerk - Mochovce: Eine Frage der
Zeit, bis was passiert? © Bild: Ricardo Herrgott

Ingenieure decken gravierende Mängel am grenznahen Atomkraftwerk Mochovce auf - einmal mehr gewinnt die Diskussion um die Sicherheit der Atomkraft an Fahrt. Ist es nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert? Und: Ist diese Technik überhaupt zukunftsfähig? Auf den Spuren einer grenzüberschreitenden Debatte

"Das waren wilde Zeiten damals", sagt Patricia Lorenz, Atomexpertin bei der Umweltschutzorganisation Global 2000. Während der zweistündigen Autofahrt von Wien ins 199 km entfernte Mochovce erzählt die Aktivistin mit dem blonden Kurzhaarschnitt von den Anfängen des Kampfes, den sie gemeinsam mit Gleichgesinnten zunächst gegen den Bau, dann gegen den Betriebsstart und schließlich gegen die Erweiterung des slowakischen Atomkraftwerkes geführt hat. Die Rede ist von Sommercamps, harmlosen Sitz-Demonstrationen, aber auch von waghalsigen Kletteraktionen über Zäune und auf die gigantischen Kühltürme, die mit Wasserwerfern und sogar erhobenen Schusswaffen beendet wurden. Das war in den späten 1990ern.

Trotz der seither ununterbrochenen Bemühungen der Atomkraftgegner ragen die konkaven Türme, acht an der Zahl, noch immer wie graue Riesen aus der unspektakulären Hügellandschaft. Die Demonstranten konnten wenig gegen die eineinhalb Meter dicken Betonwände ausrichten - geschweige denn gegen die Betreiber des Kraftwerks. Schneeweißer Wasserdampf steigt in regelmäßigen Schwaden tonlos und gemächlich aus den breiten Schloten. Sie wirken solide, robust, unzerstörbar.

Doch glaubt man den jüngsten Berichten von Patricia Lorenz und ihren Informanten, trügt der Schein gewaltig: Im Inneren der knapp 30 Jahre alten Anlage sollen die Zustände außer Kontrolle geraten sein.

Pfusch am Bau

Nachdem der Startschuss 1978 von der tschechoslowakischen Regierung gegeben und der Spatenstich für den Bau 1984 gesetzt worden war, ging das Atomkraftwerk zunächst mit nur zwei, statt den geplanten vier Reaktorblöcken 1998 ans Netz. Der Bau von Block drei und vier wurde aus Geldmangel 1990 eingestellt. 17 Jahre lang passierte dort nichts - bis die Arbeiten 2008 wiederaufgenommen wurden. Im Juni des laufenden Jahres sollen sie nun endlich in Betrieb gehen -"mit dem technischen Stand der 70er-Jahre", sagt Reinhard Uhrig von Global 2000, "was wir da haben, ist nicht auf die heutigen Anforderungen nachrüstbar." Und damit nicht genug: Gemeinsam mit seiner Kollegin Patricia Lorenz kritisiert der Atomsprecher nicht nur die veraltete Bauweise und die dementsprechend niedrigen Sicherheitsstandards. Seit vergangener Woche stützt er sich zudem auf alarmierende Foto-, Video-und Tonaufnahmen aus dem Inneren der komplexen Mega-Baustelle sowie stapelweise Dokumente, Prüfberichte und Schilderungen von Ingenieuren, die jahrelang auf der Baustelle im Einsatz waren. Fazit: Sie legen einen regelrechten Pfusch nahe. "Das ist das pure Chaos. Da wurde mit dem Schraubenschlüssel auf den Beton eingehackt und es bröselt alles auf die Rohre hinunter, da wurden Halterungen falsch montiert, Ventile so angebracht, dass man nicht dran kommt, da wurden Wände tausendfach angebohrt. Das hätte alles nicht passieren dürfen", sagt Uhrig.

Mächtige Betreiber

Einer der Whistleblower, die die wüsten Zustände im Inneren beschreiben, ist Mario Zadra. Er ist der einzige, der sich namentlich nennen lässt, sein Gesicht im Fernsehen zeigt. Eineinhalb Jahre war er leitender Ingenieur an der Baustelle. Derzeit lebt er in Spanien und hofft, dass der Groll, den die Atomindustrie gegen ihn hegt, nachlässt. "Zadra hat jahrelange internationale Erfahrung in der Atomindustrie. Er hat während seiner Zeit in Mochovce 62 Berichte geschrieben, in denen er die Dinge bemängelt hat, beschrieben hat, wo und wie sie behoben werden sollen, bis sie ihn vor einem Jahr gefeuert haben", sagt Uhrig und beschreibt seinen Informanten als mutigen Mann. Denn die Atomindustrie sei mächtig.

Mochovce ist zu 34 Prozent im Besitz der staatlichen Energiefirma Slovenské Elektrárne (SE). Die restlichen 66 Prozent teilen sich jeweils zur Hälfte die italienische Energiefirma Enel und die tschechische Energetický a Průmyslový Holding (EPH), deren Eigentümer ein tschechischer Milliardär, Daniel Křetínský, ist, der seinerseits durch Investitionen in Gas-und Kohlekraftwerke in der Slowakei, der Ukraine, aber auch in Deutschland, England und Italien sowie in tschechische Boulevardmedien und Fußballklubs auffällt. Außerdem pflegt er ein besonders freundschaftliches Verhältnis zu Tschechiens Ministerpräsident Andrej Babiš.

Es weht ein anderer Wind

Im Burgenland, kurz vor der österreichisch-slowakischen Grenze stehen zahlreiche Windräder. "Man sieht hier schön, dass der Wind angeblich auf der slowakischen Grenze ganz plötzlich aufhört", sagt Patricia Lorenz. Es würde sogar in offiziellen Umweltberichten stehen, dass der Wind auf der slowakischen Grenze "zu unberechenbar sei, um ihn ins Netz zu bekommen." Reinhard Uhrig führt aus: "Das ist das Denken aus den 1950er-Jahren. Es ist ganz klar, dass die einfach keinen Wind wollen, weil die Energiewirtschaft mit der Atomaufsicht und mit der Politik derart verhabert ist."

»Es ist ganz klar, dass diese Technik keine Zukunft mehr hat«

Dabei wäre die Energiegewinnung aus Wind-und Wasserkraft nicht nur um das Vielfache umweltfreundlicher, sondern mittlerweile auch um einiges billiger als Atomenergie, sagt Uhrig. "Der Reaktor drei in Mochovce hat mittlerweile fast drei Milliarden Euro verschlungen. Um dieselbe Stromenergie zu erzielen, wären in etwa 500 Windräder notwendig. Eine solche Installation würde grob zwei Milliarden kosten." Nicht umsonst habe man sich in Ländern wie China und Indien entschieden, vermehrt auf erneuerbare Energien zu setzen: "Man entscheidet sich für die billigste Variante." Auch der Argumentation, Atomkraft sei doch umweltfreundlich, weil sie kein CO2, sondern nur Wasserdampf ausstoße, nimmt Uhrig schnell den Wind aus den Segeln: "Das ist der neueste Schmäh der Atomlobby, weil sie ganz massiv versuchen, an die Gelder des Green Climate Fund heranzukommen. Wenn man sich die gesamte Kette vom Uranabbau, der Anreicherung, dem Transport, der Herstellung dieser riesigen Anlagen und die immer noch ungelöste Atommüll-Frage anschaut, dann kommt man weit über einen CO2-Ausstoß von Wind-oder Wasserkraft", sagt Uhrig. Für ihn sind die Zustände in Mochovce über das slowakische Kraftwerk hinaus exemplarisch: "Ich sehe Mochovce, weil es so kaputt ist, und weil es so lange dauert, und weil es so ein völlig veraltetes Konzept ist, als ganz krasses und eindrückliches Beispiel für den Zustand der Atomindustrie generell."

Kleines, nukleares Dörfchen

Vom Ende des nuklearen Zeitalters will man in dem 600-Einwohner-Dörfchen Čifáre noch nichts wissen. Nur sechs Kilometer trennen es von der umstrittenen Anlage, in der rund 1.000 Menschen Arbeit finden. Im verschlafenen Ort sind auch bei strahlendem Sonnenschein und frühlingshaften 22 Grad nur wenige Menschen anzutreffen. Maria ist eine von wenigen Jüngeren. Gerade will sie in ihr etwas rostiges Auto steigen. Ob sie glaubt, dass das nahe Atomkraftwerk sicher ist? "Ich hab schon ab und zu Angst und mache mir Gedanken, ob da nicht irgendwann mal etwas schiefgeht", sagt sie und deutet auf ihren Sohn. Fotografieren lassen möchte sie sich wegen der kritischen Äußerungen nicht. Auch ihren echten Namen will sie nicht nennen. "Bestimmt die Hälfte der Bewohner hier arbeitet dort", sagt sie.

© Ricardo Herrgott Bürgermeister Július Czapala

Bürgermeister Július Czapala bestätigt das. Seit 1989 ist er im Amt und weiß, wie alles angefangen hat mit dem Kraftwerksbau: "Man hat uns eine Umfahrungsstraße versprochen, dann hat man uns eine Fernwärmeleitung versprochen, aber das haben wir alles noch immer nicht." Abgesehen von den Arbeitsplätzen bekomme man läppische 60.000 Euro jährlich an "Nuklearinstallationssteuer", sagt Czapala. Es sieht nicht danach aus, als könne man damit in dem Dörfchen viel verschönern. Dennoch ist sich der Bürgermeister sicher: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Staat eine Anlage in Betrieb nehmen würde, die gefährlich wäre. Außerdem kann man sich nicht dauernd Sorgen machen: Wenn Sie ins Auto steigen, denken Sie doch auch nicht dauernd daran, dass Sie einen Unfall haben könnten."

Fehlende internationale Kontrollen

Nikolaus Müllner vom Institut für Sicherheits-und Risikowissenschaften an der Universität für Bodenkultur in Wien sieht die Debatte um Mochovce pragmatisch. Er meint, es sei im Moment schwer einzuschätzen, ob die Angst vor einem Pfusch, von dem eine dementsprechende Gefahr ausgehen könnte, angebracht ist. "Es ist natürlich s dass Global 2000 eine Umweltorganisation ist und ein gewisses Interesse daran hat, eine Kampagne zu führen. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass ein Atomkraftwerk ein sehr komplexes Projekt ist, an dessen Bau unterschiedlichste Firmen beteiligt sind. Das Qualitätsmanagement ist extrem schwer. Und da passieren einfach auch Fehler." Das bedeute nicht, dass die Anlage gleich in die Luft fliegen würde. Dennoch plädiert er dafür, genauere Untersuchungen der Baustelle abzuwarten.

© Video: News.at

Die ursächliche Verantwortung zur Einhaltung von Sicherheitsstandards und deren Überprüfung trägt generell der Betreiber des Kraftwerkes. Darüber hinaus hat jedes Land eine Atomaufsichtsbehörde. Es gebe zwar internationale Standards, zum Beispiel von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), aber "letztendlich ist es immer nationale Verantwortung des jeweiligen Landes", sagt Müllner und betont, dass es in der Vergangenheit vielfach Fälle gegeben hat, bei denen Nachbar-und Betreiberländer sich nicht einig waren, "aber da läuft man gegen Mauern".

Keine Panik

So auch im Fall vom Mochovce. Vergangene Woche hat sich Umweltministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) zu den öffentlich gewordenen Baumängeln geäußert und eine Aufklärung gefordert. Die Kraftwerksbetreiber Slovenské Elektrárne (SE) aber antworten nur damit, dass Global 2000 lediglich für Hysterie und Panik sorgen wolle, die Bilder alt, die Mängel längst behoben und alles unter bester Kontrolle sei.

»Wir wissen, dass ein Unfall das Ende bedeuten könnte. Deshalb legen wir großen Wert auf Sicherheit«

Vor Ort, im Besucherzentrum von Mochovce will man von der Kritik an der Baustelle nichts wissen. Robert Holy, Pressesprecher von SE zeigt das moderne, vor allem für den Besuch von Kindern ausgelegte Museum. Hinter die Kraftwerksmauern dürften wir auf Anordnung des Innenministeriums weder schauen noch fotografieren. Aber "wir haben hier nichts zu verbergen", sagt Holy. Täglich würden ein Dutzend Inspektoren für die Sicherheit sorgen, weil man sich bewusst sei, dass das Nuklearbusiness ein sensibles ist. "Wir wissen, ein Unfall könnte das Ende der Atomenergie bedeuten, deshalb legen wir hohen Wert auf Sicherheit." Von Wänden, die wie Schweizer Käse angebohrt worden wären, will Holy nichts wissen und lächelt müde: "Wir bohren das ja nicht nur an, sondern verstärken es von innen mit Stahl. Wenn, dann wirkt das also stabilisierend."

© Ricardo Herrgott Patricia Lorenz

Aus der IAEA will man sich bezüglich Mochovce nicht äußern. Nur so viel: "Nukleare Sicherheit ist nationale Verantwortung. Die Rolle der IAEA ist es, die Mitgliedsländer bei der Erfüllung ihrer Sicherheitsverantwortung zu unterstützen."

Auslaufmodell Atomenergie

Nikolaus Müllner vom Institut für Sicherheits-und Risikoforschung der Boku sieht gerade hier ein Problem: "Das Risiko macht eben nicht an den Grenzen halt. Da gibt es momentan eine enorme Lücke, was die internationalen Übereinkommen angeht." Diese nicht einheitlichen Standards und Regelwerke, die sich nach jedem Unfall immer wieder verschärfen, sind auch mit ein Grund dafür, warum Müllner genauso wie Reinhard Uhrig von Global 2000 der Atomenergie ein Ablaufdatum voraussagt. Es gebe in Europa und den USA kaum Neuprojekte. Diejenigen, die neu gebaut werden, haben extreme Zeit-und Kostenüberschreitungen, weil die Sicherheitsstandards ständig hochgeschraubt werden. "Die gelten aber nur für Neubauten. Die alten müssen und können diese nicht umsetzen. Das heißt, mittlerweile haben wir Standards, wo man glaubt, die passen, aber vielleicht merkt man beim nächsten Unfall, dass man doch was vergessen hat. Für mich ist das kein zukunftsfähiges Konzept."

Ein weiteres Problem, das laut Atomexpertin von Global 2000 Patricia Lorenz damit einhergeht, ist, "dass die Laufzeit der alten Anlagen dadurch immer mehr hinausgezogen wird. Man klammert sich an die alten Anlagen und lässt sie so lange laufen wie nur möglich. Das hat einfach keine Zukunft mehr." Sie hofft, dass die wilden Zeiten auch innerhalb der Kraftwerke zu Ende gehen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der News Ausgabe Nr. 15/19

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