"Keine politische Wahl": Istanbul neben Essen & Pecs 3. EU-Kulturhauptstadt 2010

Istanbul setzte sich in letzter Minute vs. Kiew durch

Die deutsche Ruhrpott-Metropole Essen, die Stadt Pecs an der ungarischen Grenze zu Kroatien und die größte Stadt der Türkei, Istanbul, sollen die europäischen Kulturhauptstädte 2010 werden. Das hat die siebenköpfige Jury heute, Dienstag, in Brüssel bekannt gegeben. Der Jury-Beschluss muss im Herbst noch von den Kulturministern der 25 EU-Staaten bestätigt werden.

Istanbul hat sich als Bewerber der Nicht-EU-Länder gegen Kiew durchgesetzt. Dass dies ein politisches Signal in Richtung des Beitrittswerbers Türkei gewesen sei, stritt die Kommission aber ab. Sir Jeremy Isaacs, Vorsitzender der Auswahl-Jury, meinte bei der Präsentation, dies sei "keine politische Wahl" gewesen. "Wir haben uns ausschließlich auf Grund kultureller Kriterien entschieden. Politiker können das Ergebnis interpretieren, wie sie wollen." Die Jury habe sich nur dazu geäußert, welche Staaten die überzeugendste Bewerbung abgegeben haben.

Überzeugt hat Istanbul laut Jury durch seine Brückenfunktion zwischen Europa und dem Orient. Die Stadt liege am "Kreuzungspunkt Europas", betonte Isaacs. Außerdem sei die Initiative für die Bewerbung nicht von der türkischen Regierung ausgegangen, sondern von den Bürgern der Stadt selbst.

Mit Spannung erwartet worden war die Entscheidung über die Kulturhauptstädte 2010 in Deutschland. Neben Essen war dort auch die sächsische Stadt Görlitz angetreten - gemeinsam mit der polnischen Nachbarstadt Zgorzelec, die erst durch die Grenzziehung nach dem Zweiten Weltkrieg von Görlitz abgetrennt wurde. Die Entscheidung sei letztendlich um Haaresbreite erfolgt, betonte die Jury.

Die Auswahl sei angesichts der "sehr beeindruckenden" Qualität beider Bewerbungen schwer gewesen. Essen habe die Kommission mit dem Konzept überzeugt, eine Industrieregion durch die Kultur wiederzubeleben, begründete der Vorsitzende die Wahl: "Was Essen vorgeschlagen hat, wird Auswirkungen auf ganz Europa haben."

Auch für Görlitz und Zgorzelec als sinnträchtiges Symbol für den Brückenschlag und die Versöhnung in ganz Europa hätte vieles gesprochen. "Keine Stadt, die in den Bewerb gekommen ist, hätte es nicht verdient Kulturhauptstadt zu werden", so Isaacs.

Aus den neuen EU-Ländern wird Pecs, das als einziger Bewerber für Ungarn in die letzte Runde ging, Kulturhauptstadt werden. Das zweitgrößte Kulturzentrum des Landes nach der Hauptstadt Budapest will unter dem Motto "Stadt ohne Grenzen" vor allem die Bindungen zu den Nachbarländern am Balkan verstärken. Auch die Balkan-Länder - allen voran Kroatien - streben wie die Türkei einen EU-Beitritt an.

Jährlich erhält mindestens eine europäische Stadt den Titel "Kulturhauptstadt Europas". Um die zehn neu hinzugekommenen EU-Länder einzubinden, werden von 2009 bis 2019 jährlich zwei Titelträger, jeweils aus einem alten und einem neuen Mitgliedstaat, ernannt. Österreich wird nach Graz 2003 im Jahr 2009 wieder eine europäische Kulturhauptstadt stellen. Linz ist gemeinsam mit der Hauptstadt Litauens, Vilnius, zur europäischen Kulturmetropole 2009 gewählt worden.

Drei Kulturhauptstädte 2010 seien eine Ausnahme. Schon 2011 werde es wieder nur zwei Kulturhauptstädte geben, um eine "Inflation" zu vermeiden, sagte der Leiter der Kulturabteilung in der EU-Kommission, der Österreicher Harald Hartung, am Dienstag vor der Presse. Zumindest zwei Kulturhauptstädte pro Jahr hält die Kommission aber für sinnvoll. Ansonsten würde es nach der EU-Erweiterung beinahe eine ganze Generation lang dauern, bis ein Land wieder an die Reihe käme, so Hartung.

(apa/red)