Kein Sex, aber lebenslang zu Diensten

Cornelia ist eine attraktive Frau. Mit fast 60 fragt sie sich, wann nun endlich ihr Leben beginnt. Jahrelang hat sie sich für ihre Eltern aufgeopfert. Liebe war bei ihr nie über den kindlichen Gehorsam hinausgegangen. Wann wird Cornelia erwachsen? Oder ist sie es schon? Und worauf wartet sie?

von Dr. Monika Wogrolly © Bild: Matt Observe/News

Hannes ist Nebenerwerbslandwirt und war bis Mitte fünfzig Single. Durch Zufall kam er dann in eine Yogagruppe und wurde dort buchstäblich "wachgeküsst". Sein Dornröschenschlaf war gestern, als sein Leben ganz allein von Arbeit und Dienstbarkeit den Eltern gegenüber bestimmt war. Jetzt genießt er die Zweisamkeit mit Hertha, wenngleich seine Mutter ihn nach dem Tod ihres Mannes als Partnerersatz betrachtet. Und jetzt? Hannes sieht offenbar tatenlos zu, wie die achtzigjährige Mutter mit harschen Bemerkungen die Beziehung zu Hertha sabotiert, als würde sie ihm das späte Liebesglück nicht gönnen. Ganz anders bei Cornelia: Sie hatte nie einen Partner Es war bei ihr nie über einen Flirt hinausgegangen. Warum fand sie nie den Richtigen? Sie zuckt die Achseln. Und Cornelia zählt ihre To-do-Liste auf, was sie schon als Kind an Verpflichtungen im Haus und auf den Feldern hatte. "Es gab nichts anderes", sagen dann Menschen wie Cornelia. Was steckt nun hinter dem Verzicht auf ein selbstbestimmtes Leben?

Sie kennen bestimmt den Begriff der inneren Überzeugungen und Glaubenssätze. Genau das ist das Werkzeug, mit dem stark selbstbezogene Eltern auf das Selbstwertgefühl ihrer Kinder einwirken. Das Resultat sind Prägungen, die nicht so schnell wieder weggehen. Und von Betroffenen nicht wegzudenken sind, am Ende sogar mit ihrem eigenen freien Willen verwechselt werden. "Wäre mir eine Beziehung so wichtig gewesen, hätte sich sicher was ergeben", tröstet sich Cornelia. Doch ein eigenes Leben gab es eben nicht: Zuerst war es der Hof, dann die Sorge um ihre jüngeren Geschwister, die Pflege des Vaters bis zu seinem Tod und nun der 24-Stunden- Dienst für ihre Mutter. Ähnlich bei Hannes, der scheinbar mehr auf seine Mutter als auf seine Freundin Hertha gibt. Tut er aber gar nicht! Doch scheint es ganz so, wenn sich Personen wie Cornelia oder Hannes nicht einfach aus den Fesseln der Vergangenheit entwinden können. Sie sind von Kindheit an indoktriniert; ihnen ist ein Wertesystem vermittelt worden, wo Arbeit und Eltern sowie dienstbar zu sein für das Wohlergehen der anderen zentral sind.

Wogegen die eigenen Wünsche und das persönliche Empfinden unwesentlich sind, ein typisches Beispiel: Wann immer Cornelia in der Jugend tanzen gehen wollte, hatte ihre Mutter sie dumm dastehen lassen, mit Worten wie: "Du wirst dir den Fuß brechen und dich zum Gespött machen." Oder: "Die Männer wollen alle nur das eine, und dann bist du uninteressant." Oder: "Das bringt doch gar nichts!" So blieben die Arbeit auf dem Hof und der Elterndienst die einzige Bestimmung und Sicherheit. Sich aus einem Wertesystem, das nichts als nur manipulativ und ausbeuterisch ist, frei zu strampeln, kann nur prozesshaft über einen längeren Zeitraum gelingen. Den Fokus auf sich zu lenken, sich überhaupt so richtig selbst wahrzunehmen und zu spüren, ist die Grundschule der Selbsterfahrung.

Interessantes Detail: Gerade jene Kinder, die emotional kurzgehalten wurden, hätscheln und umsorgen ihre Eltern im Erwachsenenalter, wenn diese dann betagt und hilfsbedürftig geworden sind, umso aufopfernder. In dieser Liebesbekundung enthalten und verborgen ist aber tragischerweise der Wunsch, am Ende ein Ziel zu erreichen: Und selbst von den Eltern geliebt und wertgeschätzt, ja überhaupt als eigenständige Person respektiert zu werden.

Gesünder und letztendlich erfüllender ist, sich von der Meinung der Eltern abzunabeln und den Wunsch nach Bestätigung und Liebe an einen Partner oder eine Partnerin zu richten. Und jetzt die gute Nachricht: Es ist nie zu spät für ein erfülltes Liebesleben.

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