"Kein Licht am Ende des Tunnels": Eine Bestandsaufnahme des Debakels im Irak

Ratlose Experten: Amerika sucht Exit-Strategie Cllinton & Obama zurückhaltend zu Rückzugsplänen

"Kein Licht am Ende des Tunnels": Eine Bestandsaufnahme des Debakels im Irak © Bild: APA/EPA

Eigentlich merkwürdig: Da tritt der US-Oberbefehlshaber im Irak vor die Öffentlichkeit, kann jede Menge Fortschritte verkünden, die Gewalt im Irak gehe zurück, Al-Kaida sei auf dem Rückzug. Und selbst die Regierung in Bagdad sei zusehends gefestigt. Doch statt mit stolz geschwellter Brust bei den Kongress-Anhörungen in Washington aufzutreten, gibt sich der Vier-Sterne-General David Petraeus zurückhaltend, vorsichtig, fast kleinlaut. Von Optimismus keine Spur.

"Wir haben noch kein Licht am Ende des Tunnels gesehen. Die Champagnerkorken bleiben geschlossen", sagt der Soldat. So klar hat das noch niemand gesagt. Die Wahrheit ist: Die Experten sind ratlos. "Irak und spezielle Relativitätstheorie", kommentiert die "Washington Post" mit ätzender Ironie.

Suche nach Exit-Strategie
Zwei Tage dauern die Anhörungen vor den Ausschüssen der beiden Parlamentskammern, mitten im US-Vorwahlkampf, die TV-Kameras sind immer dabei. Es hätte zu einer offenen Feldschlacht werden können, zu einem Auftrumpfen des Generals und zu wütenden Angriffen der beiden demokratischen Präsidentschaftsbewerber Barack Obama und Hillary Clinton. Stattdessen erlebt die amerikanische Öffentlichkeit eine ruhige, fast nachdenkliche Veranstaltung. Gesucht wird die "exit strategy", die Anleitung zum (halbwegs) geordneten und ehrenvollen Abgang aus dem Irak - längst wissen auch Obama und Clinton, dass es nur schlechte Lösungen gibt. "Es ist kein Ende in Sicht", fasst ein TV-Kommentator die triste Stimmung zusammen, ganz gleich, wer im Weißen Haus sitze.

General Petraeus, von Präsident George W. Bush angeblich als "Wunderkind" in Sachen Irak-Stabilisierung geschätzt, spricht mit leiser, zurückhaltender Stimme. "Zerbrechlich und umkehrbar" seien die Fortschritte im Irak. Eine sonderlich militärische Ausstrahlung hat der Mann nicht gerade. Brav zeigt er Tabellen und Schaubilder über Ausmaß und Verteilung der Gewalt, Aufstockung der irakischen Armee etc. Schon auf den ersten Blick wird klar: Der Mann fühlt sich nicht wohl in seiner Haut. Niemand macht dem Soldaten auch nur den leisesten Vorwurf. "Sie müssen den Schlamassel danach aufräumen", meint Obama. "Danach", das heißt nach dem Entschluss Bushs zum Krieg und den ersten, folgenschweren Fehleinschätzungen der Militärs.

Clinton und Obama vorsichtig
Doch das Bemerkenswerte: Auch Clinton und Obama, noch vor Wochen forsch mit Rückzugsplänen auf dem Markt, geben sich seltsam bedeckt. Clinton - sichtlich müde und gealtert von den Wahlkampfstrapazen - weist zwar den Vorwurf des republikanischen Kandidaten John McCain pflichtschuldig zurück, der das Versprechen eines Truppenrückzugs forsch mit einem "Versagen politischer und moralischer Führung" gleichsetzt. Obama verweist wie immer darauf, dass dieser Krieg "niemals hätte beginnen dürfen", dass er Al-Kaida im Irak erst stark gemacht habe. Doch mit eigenen konkreten Rückzugsplänen halten sich die beiden Rivalen wohlweislich zurück. "Ich schlage nicht vor, dass wir alle unsere Soldaten mit einem Ruck aus dem Irak abziehen sollten", sagt Obama. Beide denken an einen Einzug ins Weiße Haus, keiner will sich die Hände binden.

Das Dilemma: Niemand vermag heute zu sagen, wie sich die Lage im Irak entwickeln könnte. Selten hat sich ein General vor einem Parlamentsausschuss derart gewunden wie Petraeus. Unter welchen Bedingungen die Truppen denn nach Hause kommen könnten, fragen die Senatoren immer wieder. Aufrecht wie ein Soldat stellt sich Petraeus dem Fragen-Bombardement, die Antwort fällt militärisch knapp aus und ist immer die gleiche: "Wenn die Bedingungen erfüllt sind." Mehr sagt der General nicht, manchmal darf ein Soldat einfach nicht mehr sagen.

(apa/dpa/red)