Heute und Morgen von

Gewetzte Messer

Harald Katzmair ist Sozialwissenschaftler und Direktor von FASresearch

Harald Katzmair © Bild: NEWS/Ian Ehm

Nur in einem sind sich Griechen und Deutsche einig: Das Abendland droht wieder einmal unterzugehen. Denn Europa wird entweder an der deutschen Austerität und Hochmütigkeit zerbrechen oder am Schlendrian und an der Eitelkeit der Griechen. Und so beanspruchen beide – Schäuble und Varoufakis – Retter Europas zu sein, indem sie uns vor dem Bösen, der Gefahr des anderen schützen wollen. Weltenretter lieben die Polarisierung und das damit verbundene Drama. Indem sie die Welt am Rande des Abgrunds beschreiben, schaffen sie es, Abweichler in den eigenen Reihen zu disziplinieren. Wer auf die andere Seite geht, macht sich mitschuldig an der prognostizierten Katastrophe.

Konsens ist so nicht möglich. Die Polarisierung zerstört die Mitte und verlangt nach Siegern und Verlierern, nach Unterwerfung und Demütigung des gegnerischen Pols. Jene, die sich hingegen nicht zwischen Schwarz und Weiß entscheiden können, ziehen sich zurück, nehmen sich aus dem Spiel, schützen sich vor dem täglichen medialen Sturm der angekündigten Weltuntergänge, der kreischenden Empörung, der wechselseitigen Missachtung und der gegenseitigen Abwertungen, der Wichtigtuerei. Eine immer größer werdende Zahl von Nichtwählern und Fatalisten ist das Ergebnis. In der Arena der Politik bleiben vermehrt jene übrig, deren Persönlichkeitsmerkmale keinen Kompromiss zulassen oder für die das Wort Konsens gleichbedeutend mit Verrat und Weicheiertum ist.

In einer Welt, die so durcheinandergewirbelt wird, ist das Prinzip „Wir bleiben hart!“ ein unkluges Zukunftskonzept. Verhärtung und Erstarrung sind Geschwister, sie ruinieren die Beweglichkeit und Offenheit, die für neue Lösungen notwendig sind. Sie schneiden uns ab von unseren eigenen Möglichkeiten und Alternativen. Sie verbauen den Zugang zum Noch-nicht- Gedachten, zum Noch-nicht-Ausprobierten. Hinter der Unsicherheit „der Mitte“ liegt damit auch eine Weisheit des Sowohl-als-auch, das Optionen und Öffnungen für neue Wege offenhält. Es ist die Weisheit des „Unscharfen“ in einer Welt, in der die Messer immer gewetzter und schärfer werden. Heute und Morgen Zwei Finanzminister, zwei Weltenretter: Schäuble und Varoufakis Gewetzte Messer Harald Katzmair ist Sozialwissenschaftler, Netzwerkforscher, Gründer und Direktor von FASresearch

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