Kasparow appelliert an Wachsamkeit des Westens: "Russland eine moderne Diktatur"

Kreml-Kritiker: Vor Putin "nicht Kopf in Sand stecken" PLUS: Putin legt im Streit um Raketenabwehr nach

Kasparow appelliert an Wachsamkeit des Westens: "Russland eine moderne Diktatur"

Der prominente Kreml-Kritiker und ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow hat die europäischen Regierungen davor gewarnt, vor dem "zynischen Regime" des russischen Präsidenten Wladimir Putin "den Kopf in den Sand zu stecken". Auch der verstorbene russische Präsident Boris Jelzin habe "seine Macht oft missbraucht, aber er hat niemals die persönliche Freiheit angegriffen", sagte Kasparow in Wien, der Russland als moderne Diktatur bezeichnete.

Putin habe versprochen, den Mord an der Journalistin Politkowskaja zu bestrafen, sechs Monate nach dem Mord in Moskau habe er "alles Interesse daran verloren", kritisierte Kasparow. "Ich kenne den Namen des Mörders von Politkowskaja nicht, aber ich kenne seine Adresse", sagte Kasparow in Anspielung auf den Kreml.

"Russland eine moderne Diktatur"
"Putin weiß, dass bei kleinen Schritten der Westen wenig sagen wird und gar nichts tut." Es sei ein "beliebter Mythos" zu sagen, dass Russland Stabilität und Reichtum erlangt habe, so der russische Oppositionsführer. Das Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Kreml-kritischen Demonstranten am 14. und 15. April habe das "wahre Gesicht Russlands offenbart" und sei zudem nur "die Spitze des Eisbergs". "Russland ist eine moderne Diktatur, vergleichbar mit Simbabwe und Weißrussland."

Kasparow erklärte, dass die Bewegung "Das Andere Russland" das derzeitige "Kreml-Regime" ablösen wolle. "Das Regime Putins ist verletzlich, es kann es sich nicht leisten, alle Verbindungen zur freien Welt zu kappen." Europa solle sich nicht zum Komplizen zukünftiger Verbrechen machen, warnte Kasparow. "Die europäischen Führer von heute sind Manager und nicht Führer, sie haben Menschenrechte und Demokratie für Geschäfte eingetauscht."

Zweiklassen-Gesellschaft in Russland
Das neue Russland werde neue Helden haben, und Anna Politkowskaja werde eine von ihnen sein, betonte der Ex-Schachweltmeister. "Wir haben heute in Russland zwei ungleiche Länder. 20 Millionen machen ein Vermögen oder haben gute Jobs, und 120 Millionen haben gar keine Möglichkeiten. Sie haben keinen Reichtum und jetzt auch keine Freiheit mehr."

"Wenn man mit russischen Oligarchen Geschäfte macht, dann nimmt man Geld an, das fragwürdiger Herkunft ist", spielte Kasparow auf den Deal des Bauunternehmens Strabag mit dem russischen Oligarchen Oleg Deripaska an. Und er schloss mit der Feststellung: "Verwechseln Sie nicht Putin mit Russland. Putin wird gehen und Russland wird bleiben."

(apa/red)