Alles, was Sie über das
Air-Berlin-Finale wissen müssen

Welche Risiken gibt es für die Passagiere? Worauf müssen sich die Beschäftigten einstellen? Wie stehen die Chancen der einzelnen Bieter?

Die Chaostage bei Air Berlin sollen ein Ende finden. Am Donnerstag könnten die Gläubiger wichtige Vorentscheidungen darüber treffen, wie die Zukunft der insolventen Fluggesellschaft aussieht. Verschiedene Lösungen sind denkbar - noch hält das Verwirrspiel auch für Mitarbeiter und Kunden aber an. Fragen und Antworten zum Thema:

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Air-Berlin-Finale wissen müssen © Bild: 2013 Getty Images

Wann fällt welche Entscheidung?

Aus Branchenkreisen ist zu hören, dass schon am Donnerstag bei Sitzungen der Gläubigerausschüsse des Air-Berlin-Konzerns, der deutschen Gesellschaft und der Techniksparte zentrale Fragen geklärt werden und nur Detailpunkte offen bleiben könnten. Auch Vorstandschef Thomas Winkelmann hatte gegenüber den Piloten "Lösungen" angedeutet. Formal entscheidet der Aufsichtsrat über den Verkauf am Montag (25.).

Welche Risiken gibt es für die Passagiere?

Viele Air-Berlin-Kunden fragen sich, ob gebuchte Flüge wirklich stattfinden - und was passiert, wenn sie ausfallen sollten. "Wer ein Ticket bei Air Berlin gebucht hat, kann nicht sicher sein, dass er damit auch wie geplant fliegen kann", sagt der Reiserechtler Paul Degott aus Hannover. Denn ob die Käufer, die die Strecken von Air Berlin übernehmen, auch deren Tickets akzeptieren, sei eher fraglich.

Man muss unterscheiden zwischen Tickets, die vor und nach dem Insolvenzantrag am 15. August ausgestellt wurden. Ansprüche aus der Zeit davor sind laut Air Berlin "nicht erstattbar". Bei Verspätungen oder Streichungen gibt es auch keine Entschädigung. Betroffene Kunden können solche Forderungen im laufenden Insolvenzverfahren anmelden.

Passagiere, die nach Mitte August gebucht haben, bekommen den Preis dagegen auf Wunsch erstattet. Grundsätzlich behalten alle Tickets ihre Gültigkeit - auch diejenigen von Partner-Airlines. Vielflieger können aber keine Bonusmeilen mehr sammeln oder alte Meilen einlösen.

Was tut Air Berlin, um seine Kunden abzusichern?

Ein gewisses Risiko lasse sich derzeit nicht vermeiden, meint Jurist Degott. Die Airline bemüht sich aber um Stabilität. Für Zahlungen für Flüge ab Anfang November soll ein Treuhänder eingesetzt werden, der bei Ausfällen für Erstattungen sorgt. Auch hier gilt jedoch, dass nur Buchungen ab 15. August abgedeckt sind. Generell kämpft Air Berlin um das Vertrauen der Kunden; massenhafte Krankmeldungen von Piloten und das Kofferchaos in Berlin-Tegel trugen zuletzt nicht gerade dazu bei.

Worauf müssen sich die Beschäftigten einstellen?

Die Verunsicherung in der Belegschaft vor der Verkaufsentscheidung soll sehr hoch sein. Ob die rund 200 kranken Piloten womöglich einen verkappten Streik machten, ist schwer nachzuweisen. Volker Nüsse von der Gewerkschaft ver.di stellt jedoch klar: Die Interessen der gut 8.000 Mitarbeiter müssten vorn stehen. "Der Frust wächst immer mehr." Angst gebe es vor allem in Bereichen, deren Einstellung schon vor dem Verkauf angekündigt wurde, etwa bei Fernzielen: "Wenn die Langstrecke nicht mehr im Flugplan ist, kann auf sie auch nicht geboten werden."

Insgesamt könnten zahlreiche Jobs auf der Kippe stehen oder zumindest starke Gehaltseinbußen drohen. Einige Bieter hätten kein Interesse am Übergang ganzer Betriebsteile, sie wollten nur Maschinen übernehmen und neues Personal anheuern. Die Lufthansa-Tochter Eurowings einigte sich mit ver.di indes auf einen Tarifvertrag: Berufserfahrung soll bei Neubewerbern berücksichtigt, das Bestandspersonal geschützt werden.

Wie stehen die Chancen der einzelnen Bieter?

Ein Gesamtverkauf von Air Berlin gilt aus Wettbewerbsgründen als eher unwahrscheinlich - daher streiten mehrere Bieter darum, wer welches Stück vom Kuchen bekommt. Gute Chancen werden der Lufthansa und ihrer Billigtochter Eurowings eingeräumt, sie will bis zu 90 der 144 Jets, 38 davon sind schon an sie verleast. Im Rennen ist laut Insidern auch die British-Airways- und Iberia-Mutter IAG. Für sie könnte sprechen, dass beide Marken mit Air Berlin im Netzwerk Oneworld kooperieren.

An der Air-Berlin-Tochter Niki zeigen deren Gründer Niki Lauda und der Thomas-Cook-Ferienflieger Condor Interesse. Am Mittwoch reichte ein Gläubiger auch für Niki einen Insolvenzantrag ein - ob ein Verfahren gestartet wird, ist noch unklar. Nach eigenen Angaben hat Niki dem Gläubiger aber inzwischen sein Geld überwiesen.

Easyjet geht es um die Kurzstrecken. Bieter sind auch die Unternehmer Utz Claassen und Hans Rudolf Wöhrl sowie der Berliner Logistiker Zeitfracht. Interessiert ist auch der Chinese Jonathan Pang.

Welche Konsequenzen ergeben sich für den gesamten Luftverkehr?

Der Ausverkauf hat Folgen weit über Air Berlin hinaus: Es geht nicht nur um Maschinen, Personal und Infrastruktur, sondern vor allem um begehrte Start- und Landerechte. Ein Experte mutmaßte, sogar die umstrittenen Flugstreichungen bei Ryanair könnten damit zusammenhängen, dass sich die Iren im Fall eines Zusammenbruchs von Air Berlin sofort um freiwerdende "Slots" bewerben könnten. Das ist zwar Spekulation, der Markt aber ist umkämpft.

Zunehmend zeichnet sich eine Zweiteilung in Billig- und Edel-Airlines ab, das Geschäft dazwischen ist massiv unter Druck. Die Ratingagentur Moody's warnte schon im Frühjahr: "Die Ertragskraft der europäischen Airlines dürfte 2017 abnehmen." Es tue sich eine große Lücke zwischen teils zögerlicher Nachfrage - wegen Terrorrisiken und anderer Faktoren - und wachsendem Angebot vor allem der Billiganbieter auf.

Was macht die Politik?

Ein Bundeskredit über 150 Mio. Euro soll den Betrieb der Air Berlin bis Ende November gewährleisten. Wettbewerber kritisierten dies scharf, Ryanair sprach von einem "abgekarteten Spiel" zugunsten der Lufthansa.

Stefan Schulte, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, sagt: "Ursächlich für die Insolvenz ist der harte Konkurrenzkampf im Luftverkehrsmarkt, gepaart mit Management-Entscheidungen früherer Jahre." Doch der Gesetzgeber trage eine Mitverantwortung daran, weil er den Firmen einseitige Sonderlasten auferlegt habe - etwa durch die Luftverkehrsteuer.

Wichtig würde die Politik wieder, falls Transfergesellschaften für Mitarbeiter von Air Berlin kommen, wie sie der Vorstand und ver.di nun fordern. Sie würden mehrheitlich von der Bundesagentur für Arbeit finanziert.

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