KarstadtQuelle-Konzern entschädigt Wert-
heim-Erben: Ende des Jahrhundert-Konflikts

Außergerichtliche Entscheidung hat große Dimension 62 Jahre nach Kriegsende gibt es eine Entschädigung

Der KarstadtQuelle-Konzern entschädigt 62 Jahre nach Kriegsende die Erben der von den Nazis enteigneten jüdischen Kaufmannsfamilie Wertheim. Diese außergerichtliche Einigung hat weit über die Justiz hinaus historisch wie politisch eine außerordentliche Dimension.

Die in der Nachkriegsgeschichte beispiellose und jahrelang von beiden Seiten mit äußerster Konsequenz betriebene Auseinandersetzung um millionenteure Häuser und Filet-Grundstücke mitten im neuen Herz der deutschen Hauptstadt war auch weit außerhalb der Grenzen der Bundesrepublik Deutschland sehr kritisch verfolgt worden.

Auch mit dem Ziel, die internationalen Debatten und Vorwürfe aus der Welt zu schaffen, dass sich deutsche Institutionen auf jüdischem Grund unrechtmäßig breitmachten, hatte sich die Bundesregierung 2005 mit den Erben über eine Entschädigung von 17,3 Mio. Euro für die Rechte am Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Bundestags auf früherem Wertheim-Grund geeinigt. Auf diesem Fundament fiel es KarstadtQuelle-Chef Thomas Middelhoff möglicherweise leichter, jetzt nachzuziehen.

Mit seiner Unterschrift unter die nun erzielte Vereinbarung setzte Middelhoff den in dieser Form kaum noch erwarteten Schlussstrich im Streit um das Lenne-Dreieck am Potsdamer Platz. Dort stehen heute das Beisheim-Center und die Luxushotels Ritz-Carlton und Marriott. Das Gelände hatte der Berliner Senat nach der Wende übernommen und für eine DM dem Warenhaus Hertie überlassen. Nach der Hertie-Übernahme verleibte sich Karstadt das Gelände ein und machte damit eines der wahrscheinlich ertragreichsten Geschäfte aller Zeiten. Denn Metro-Eigentürmer Otto Beisheim überwies für das selbe Stück Land 145 Mio. Euro.

So war es nicht zufällig so, dass genau an diesem weltbekannten Platz, an dem über die Jahrzehnte immer wieder tragische deutsche Geschichte geschrieben wurde, sich der teilweise sehr ins Persönliche gehende Konflikt zugespitzt hat. Am 18. September 2006 stellte sich die 73-jährige Erben-Sprecherin der Wertheim-Familie, Barbara Principe aus New Jersey, vor dem Ritz-Carlton-Hotel vor eine gut fünf Meter hohe Karstadt-Werbetüte, mit der der Konzern die Berliner zur Feier seines 125. Geburtstags einlud. Im üblichen Touristengewimmel wirkte die Szene ganz normal, doch sie hatte etwas Bizarres und verstärkte noch den Ärger und Abwehr in der Karstadt-Chefetage.

"Meine Familie wird niemals ruhen. In meinem Herzen weiß ich, dass meine Familie gewinnt", sagte die kleine Frau damals. In all den Jahren trat sie bei Berlin-Besuchen als stets überaus entschlossene Tochter eines Mannes auf, der 1939 von den Nazis als reicher Kaufmann enteignet und aus Berlin vertrieben wurde und als kleiner Hühnerfarmer nahe New Yorks neu anfangen musste.

Auch als Zuhörerin mehrerer Gerichtsverfahren, in Interviews und in geschickten Medien-Inszenierungen ihrer Berliner und New Yorker Anwälte bei Spaziergängen über den Grund des einstigen Wertheim- Stammsitzes am Leipziger Platz oder im Spreebogen, wo der Parlamentsbau auf juristisch schwankendem Boden errichtet wurde, ließ sie keinen Zweifel an der Entschlossenheit der Erben-Familie. "Es ist kalt und grau in Berlin, aber es ist ein glücklicher Tag für unsere Familie", sagte sie im Dezember 2003 im winterlichen Berlin nach einer Einladung des damaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse zur Eröffnung des Lüders-Hauses.

Der KarstadtQuelle-Konzern kämpfte überraschend lang und mindestens ebenso beharrlich mit juristischen Mitteln gegen die gefühlsbeladene Strategie von Principe und ihren Anwälten an. Der Konzern sei als Aktiengesellschaft und damit Hüter der Werte der Eigner gezwungen, bis zur letzten Instanz die Rechtsfrage zu klären, lauteten oft die Kernargumente. Wobei die Position im Streit um das Lenne-Dreieck, wo nun nach den Jahren der trostlosen Mauer-Brache wieder Leben wuchs und Stars und Reiche aus der ganzen Welt im Ritz-Carlton und Marriott Hof halten, immer schwerer zu halten war.

So ging von diesem Ort wohl auch die Wende in der KarstadtQuelle-Spitze aus. Zwar brachte es Konzernchef Thomas Middelhoff nicht übers Herz, mit seiner leidenschaftlichen Kontrahentin Principe, wie von ihr am Potsdamer Platz gefordert, persönlich zu verhandeln. Doch mit dem erfahrenen Direktor der Jewish Claims Conference (JCC), Roman Haller, ließen sich neue Wege aus der Krise finden. In mehreren Geheimgesprächen wurde der seit so vielen Jahren belastende Zank aus der Welt geschafft. Barbara Principe würdigte die "Größe und Vernunft", die der Konzern gezeigt habe. Middelhoff betonte: "Wir waren gehalten, unserer Verantwortung gegenüber der Geschichte gerecht zu werden."

(apa/red)