Sarajevo-Attentat von

Kaiserenkel Karl Habsburg über "Kaisersein"

Kaiserenkel über Schmuck und Bürde der Habsburger und was falsch gelaufen ist

Der Enkel des letzten österreichischen Kaisers, Karl Habsburg © Bild: APA/HERBERT PFARRHOFER

Kaiserenkel Karl Habsburg spricht im Interview über Schmuck und Bürde der Habsburger, was falsch gelaufen ist, zu was "Kaisersein verpflichtet" und was er am 28. Juni, 100 Jahre nach dem Attentat auf seinen Urgroßonkel, vor hat. Er selbst hat mit der Politik noch nicht ganz abgeschlossen.

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Für Kaiser Franz Joseph hat er "größte Bewunderung", würde aber nicht unbedingt mit ihm tauschen wollen. "Ich glaube nicht wirklich, dass die Funktion eines regierenden Herrschers eine ungemein erstrebenswerte Funktion ist", betont Habsburg mit Blick auf die Verpflichtungen eines Monarchen.

Vor 100 Jahren wurde ihr Urgroßonkel in Sarajevo erschossen. Was machen Sie am 28. Juni?
Karl Habsburg: Ich bin in diesen Tagen in Sarajevo, nehme am Vorabend an einer Diskussionsveranstaltung der Paneuropa Union teil. Den Attentatsort selber habe ich schon oft besucht. Das ist nicht so aufregend. Ich gehöre nicht zur Erlebensgeneration, ich gehöre zur Erkenntnisgeneration und betrachte das mit historischem Interesse.

Was bedeutet Sarajevo für Sie?
Habsburg: Ich habe Sarajevo vor allem kennengelernt in der Zeit des Jugoslawien-Krieges. Der Name steht für mich nicht als Ort des Attentats. Sarajevo ist viel mehr als das, es ist eine faszinierende, multikulturelle Stadt.

Wie stehen Sie zur Schuldfrage?
Habsburg: Ich fühle mich sehr bestärkt von Christopher Clark und seinem Monumentalwerk "Die Schlafwandler". Es ist wahnsinnig vereinfachend, irgendjemandem die Schuld in die Schuhe zu schieben. Man kann die Schuld weder bei einem Individuum noch einem Land suchen. Unter den Ursachen ragt der Nationalismus als Hauptgrund heraus. Es wäre auch ohne Sarajevo zum Krieg gekommen.

Wie beurteilen Sie das Handeln ihres Ururgroßonkels?
Habsburg: Gegen ein Bild wehre ich mich: Nicht Kaiser Franz Joseph hat den Stein ins Rollen gebracht, das hat schon der Herr Princip. Der Kaiser und viele andere haben den Stein weitergerollt.

Aber was ist konkret falsch gelaufen?
Habsburg: Was bei allen falsch gelaufen ist, war die Tatsache, dass keiner sich vorstellen konnte, dass das Ganze zu einem großen Konflikt wird. Die Perspektive für den großen Konflikt hat komplett gefehlt. Das Ultimatum war unannehmbar, aber man rechnete nur mit einem dritten Balkankrieg.

Was halten sie generell von Kaiser Franz Joseph?
Habsburg: Ich habe die größte Bewunderung für ihn, das ist gar keine Frage. Er verkörperte einen wesentlichen Bestandteil jeder Monarchie und das ist das Prinzip der Kontinuität. Das hat er durchgezogen bis zu seinem Tod. Aber klar, er war nur ein Mensch. Es gibt auch eine dunkle Seite und Fehler. Aber es ist falsch, der Monarchie die Fähigkeit zum Wandel und zur Modernität abzusprechen.

Ist der Name Habsburg heute eher Schmuck oder Bürde?
Habsburg: Das kommt darauf an, wo sie sind. In Österreich ist das Bild sehr schwarz-weiß, natürlich polarisiert der Name hier. Überall sonst bietet sich eine breite Palette an Reaktionen. In Deutschland sind die Vorbehalte gegen Namen und Titel um einiges geringer als in Österreich.

Wären Sie gerne Herrscher?
Habsburg: Ich glaube nicht wirklich, dass die Funktion eines regierenden Herrschers eine ungemein erstrebenswerte Funktion ist. Das hat mein Vater ganz genauso gesehen. Wenn ich denke, was ich alles machen, wie ich herumreisen kann, wie ich in Bereichen arbeiten kann, die mich wirklich interessieren, wie ich mehr oder minder Herr meiner eigenen Zeit bin, dann sind das alles Dinge, die ich sonst zweifelslos nicht tun könnte. Kaisersein ist Verpflichtung.

Adel verpflichtet zu was?
Habsburg: Verpflichtung zu eigenem Land und eigenen Völkern. Eine Sache, die sicherlich drinsteckt in den Genen: Wir sind als Familie seit 800 Jahren Berufspolitiker. Das Interesse an der Politik lässt einen nicht los. Da wollen wir uns auch gestaltend einbringen.

Welche Ämter streben sie an?
Habsburg: Ich strebe aktuell keine spezifische Funktion an. Diese Perspektive ist aber nicht völlig von meinem Radarschirm verschwunden.

Was machen Sie beruflich?
Habsburg: Ich habe verschiedene Funktionen unter anderem als Familienchef und in der Paneuropa-Union. Mein Brotberuf ist der Handel mit Radiolizenzen. Ich besitze einige Radiostationen, gerade in Osteuropa. Haupttätigkeit ist aber die Arbeit für die Organisation Blue Shield. Der Schutz der Kulturgüter in Konflikten hat eine neue Dimension gewonnen.

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