Ausgeliefert von

Kampf dem Terror

Terror Paris Notre-Dame © Bild: APA/ M.Manning / AFP

Erst Manchester, dann London, nun erneut Paris - und nur eine Frage: Warum gelingt es uns nicht, die Terroristen zu stoppen? Und wie groß ist die Gefahr für Österreich?

Menschen kauern Samstagnacht in einer Bar auf dem Boden. Verschreckt, verstört, verzweifelt. Manche verstecken sich unter Tischen, andere haben sich in den Toiletten verbarrikadiert. Normalerweise ist das Gebiet um die London Bridge im Zentrum der britischen Hauptstadt ein beliebtes Ausgehviertel, ein Ort ausgelassener Stimmung. Doch nichts ist in dieser Nacht noch normal.

Draußen auf der Straße liegen Leichname. Von Menschen, die gerade noch gefeiert, getanzt, gelebt haben. Nun sind einige von ihnen tot. Erstochen oder niedergefahren. Wahllos und ohne Erbarmen. Von drei Männern, die nach ihrer Amokfahrt über die Brücke aus einem gemieteten Lieferwagen sprangen und mit Messern auf jeden einstachen, dem sie begegneten und dabei "Dies ist für Allah!" schrien. Die in der Bar kauernden Menschen wissen nicht, was um sie herum geschieht, ob sie leben oder sterben werden. Die Minuten bis zum Eintreffen der Polizei gerinnen zur Ewigkeit.

Schüsse vor Notre-Dame

Nur drei Tage später, Paris. Der Vorplatz vor der Kathedrale von Notre-Dame. Einer der meistbesuchten Orte der Welt. 900 Menschen sitzen in dem Gotteshaus fest. Die Türen sind verschlossen. Von draußen hört man Schüsse. Wie die Verbarrikadierten in London sind sie in diesem Moment ausgeliefert, ohnmächtig, ohne jedes Wissen, was gerade passiert. Erst später werden sie erfahren, dass zuvor ein Mann mit einem Hammer versucht hatte, einen Polizisten zu attackieren, dabei "Das ist für Syrien!" schrie und auf ihn das Feuer eröffnet wurde.

Terror in Paris
© APA/bertrand GUAY / AFP Terroralarm in Paris

Zwei Taten, ein Gefühl und eine noch viel drängendere Frage: Warum gelingt es nicht, die Terroristen zu stoppen? Immer länger wird die Liste ihrer Ziele in Europa. Immer beliebiger die Orte ihrer Anschläge. Immer einfacher die Wahl ihrer Mittel. Und trotzdem ist Terror kein Naturphänomen, kein Zufall, kein Ereignis, das einfach auftritt. Es gibt Muster und Wege, ihn zu bekämpfen, ihn zu bändigen und zurückzudrängen. Doch in den zweieinhalb Jahren, die seit den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" vergangen sind, kratzten Antworten der Politik bloß an der Oberfläche. Auch weil viel Zeit verloren ging, in der dienliche Mythen zu Wahrheiten wurden.

Mythos einsamer Wolf

Ein Mythos, und vielleicht der wichtigste, ist der des "einsamen Wolfes", des Typen, des Verlierers, der sich in der Stille seines Zimmers langsam selbst radikalisiert. Der ohne fremdes Zutun, mit keinerlei Außenkontakt brutaler und radikaler wird. Bis er eines Tages aufbricht, um zu morden.

Es ist ein gefälliger Mythos, da er Sicherheitsbehörden und die Politik von jeglicher Verantwortung entbindet. Was hätte man schon tun sollen gegen einen, der im Dunkeln seiner Wohnung zum Dschihadisten mutiert? Doch diese Annahme ist falsch. Auswertungen der Terroranschläge in Europa seit 2015 (siehe Zeitleiste oben) zeigen, dass der Großteil der Täter für die Behörden keineswegs Unbekannte waren. Viele von ihnen sind zuvor schon straffällig geworden, fielen durch Gewalttaten auf und pflegten Kontakte in die islamistische Szene. Einer der späteren Attentäter von London tauchte sogar in einer britischen TV-Doku über Dschihadisten auf. Unverblümt und ungehindert zeigten die Islamisten darin, dass es ihnen mit ihrem Kampf ernst ist, sie die Scharia für Großbritannien herbeisehnen und sie mehr als nur Sympathie für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hegen. Von etlichen anderen Attentätern, die Europa zuletzt heimsuchten, wussten die Behörden gar, dass sie zuvor nach Syrien oder in den Irak aufgebrochen waren, dort kämpften oder Trainingslager absolvierten und dann zurückkehrten.

Was zum nächsten dienlichen Mythos führt. Dem des Online-Dschihadisten, der sich durch das Internet, Facebook, Twitter und all den Hass, der im Netz kursiert, radikalisiert. Und dabei immer apathischer, getriebener und gefährlicher wird. Bis er einem vom Zorn vollgesaugten Schwamm gleicht und aufbricht, um andere auszulöschen. Dieser Typus des Terroristen mag zwar existieren, die Regel ist er nicht.

»Interaktionen in der realen Welt spielen die entscheidende Rolle, ob jemand Extremismus nur unterstützt oder selbst zum Terroristen wird«

Das hat der Extremismusforscher Shiraz Maher vom Londoner King's College anhand von Attentäter-Biografien ausgearbeitet. "Die Daten zeigen, dass Interaktionen in der realen Welt die entscheidende Rolle spielen, ob jemand Extremismus nur unterstützt oder selbst zum Terroristen wird", schreibt er im "New Statesman". Und belegt dies mit einem Vergleich: Von den 1,5 Milliarden Muslimen weltweit würde sich nur ein verschwindend geringer Teil für radikale Inhalte im Netz überhaupt interessieren. Von ihnen wiederum beginnt ein Bruchteil, die dahinterstehende Ideologie zu unterstützen. Und ein noch kleinerer Prozentsatz wird, eben durch die Bestätigung in einer Gruppe real existierender Gleichgesinnter, tatsächlich zum Täter.

Versagt die Polizei?

Das mag beruhigend klingen, gibt aber zugleich Grund zur Besorgnis. Denn warum gelingt es den Behörden dann nicht viel häufiger, potenzielle Gefährder aufzuhalten? Die einfachste und wohl wahrste Antwort erfährt man von Kennern der Szene nur hinter vorgehaltener Hand. Sie lautet: weil es einfach zu viele sind. Um vor Messerattacken oder Anschlägen mit Fahrzeugen wie in Nizza oder in London zu schützen, müssten mögliche Terroristen intensiv begleitet werden. Um dies rund um die Uhr zu garantieren, sind allein für einen Verdächtigen 22 Beamte nötig. Setzt man diese Zahl ins Verhältnis zu der allein in Frankreich auf 3.000 geschätzten Zahl der Gefährder, werden die Dimensionen klar. Es bräuchte 66.000 Polizisten, die nichts anderes tun, als jeden zu beschatten, von dem Gefahr drohen könnte. In Wirklichkeit wird eine Entscheidung getroffen: Wer gilt als solch tickende Zeitbombe, dass er für keinen Moment aus den Augen gelassen wird? Etliche Anschläge sollen so verhindert worden sein. Setzen die Fahnder aber auf die Falschen, sind sie, wie in London, dennoch die Blamierten. Dabei wird ihre Arbeit mit keinem Tag einfacher. Das Herrschaftsgebiet des IS in Syrien und dem Irak zerfällt gerade. Die Angriffe häufen sich, das Kalifat schrumpft. Und etliche der bis zu 6.000 dorthin aufgebrochenen Kämpfer aus Europa wollen nur noch eins: zurück.

90 IS-Rückkehrer bei uns

Hunderte sind in den vergangenen Jahren auch aus Österreich in die IS-Kampfgebiete gezogen. Etwa 300 geplante Ausreisen hat das Innenministerium bisher gezählt, 80 Prozent davon Männer, von denen die Hälfte aus Tschetschenien stammt. Sie lassen sich zu "heiligen Kriegern" ausbilden, lernen den Umgang mit Waffen und Sprengstoff. Bei 50 von ihnen konnten die Behörden die Reise in den Krieg stoppen, weitere 50 wurden getötet, und 90 Männer und Frauen sind bereits zurück nach Österreich gekommen. "Man muss davon ausgehen, dass aufgrund der Situation in Syrien die Zahl der Rückkehrer nicht abreißen wird", sagt Karl-Heinz Grundböck im Innenministerium. Welche Gefahr geht von ihnen aus? Erst vergangene Woche wurde eine Familie in Graz verurteilt, die sich vor zwei Jahren mit ihren fünf Kindern auf den Weg nach Syrien machte: zehn Jahre Haft wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Höchststrafe. Während des Prozesses fragte der Staatsanwalt den angeklagten Familienvater Enes S. ganz unverblümt: "Sind Sie ein Schläfer?" Enes S. verneinte erwartungsgemäß und der Richter grinste: "Na, was anders hätten Sie jetzt auch nicht sagen dürfen."

Wie soll Österreich mit diesen Rückkehrern umgehen? Reicht die "Wir haben euch im Auge"-Strategie aus? "Bei allen Rückkehrern greifen zwei Maßnahmen -die Strafverfolgung und die sicherheitspolizeiliche Überwachung", erklärt Grundböck. Wie so eine Überwachung ausschaut, will er aus taktischen Gründen nicht ausführen. Nur so viel: "Es geht um das Sammeln von zulässigen Informationen über eine Person." Eine Fußfessel für Syrien-Rückkehrer, wie sie Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) Anfang des Jahres ankündigte, kommt jedoch so nicht. Sie sei nach geltendem Recht nur als Ersatz für Strafhaft und nicht für die U-Haft vorgesehen. Und selbst wenn sich das ändern sollte, würde nicht jeder Verdächtige in U-Haft genommen. Dafür muss nämlich ein dringender Tatverdacht und Flucht-oder Wiederholungsgefahr bestehen.

Somit wird klar, weshalb der Kampf gegen den Terror so schwierig und langwierig ist. Ein Gerüst von Mythen verhindert, sich der Bedrohung zu stellen. Die Politik verliert sich in Worthülsen, während die Polizei der schieren Zahl potenzieller Gefährder kaum gewachsen scheint. Zudem stammen die Gesetze, um sie zu verfolgen, aus einer Zeit, die keinen Terror kannte. Doch er ist Realität. Samstag in London. Dienstag in Paris.