Fakten von

Jugendliche: Wenige
Interesse an der EU

Keine hohe Bedeutung bei 15-24-Jährigen - aber großer Wunsch nach Mobilität

Parlament © Bild: APA/Pfarrhofer

Während Brüssel bereits in den Startlöchern für die EU-Wahlen in einem Jahr steht, hat der österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache vergangene Woche mit der Personenfreizügigkeit eine der vier europäischen Grundfreiheiten zur Diskussion gestellt. Doch genau diese ist Grundlage für jene Themen, mit denen die europäische Jugend erreicht werden soll: Mobilität, Bildung und Arbeit. Ansonsten ist das Interesse an der EU unter Jugendlichen eher gering.

"Wir kämpfen gegen Jugendarbeitslosigkeit. Denn wenn wir die Menschen verlieren, wenn sie jung sind, riskieren wir, sie für immer zu verlieren", sagte etwa die EU-Kommissarin für Beschäftigung, Soziales, und Arbeitskraftmobilität, Marianne Thyssen, vergangenes Wochenende vor den Teilnehmern des Europäischen Jugendevents (EYE 2018) in Straßburg stattfand.

Dabei sind es Veranstaltungen wie diese, bei denen sich die EU eigentlich keine Sorgen um ihre Popularität machen müsste. Die jungen Besucher unterhielten sich auf mehreren Sprachen miteinander, traten weltoffen und politikinteressiert auf- immerhin verbrachten sie ein sonniges Wochenende in den Plenarsälen des Europäischen Parlaments statt auf einem Festival oder am Strand.

Kein großes Interesse an EU

Doch schnell kamen auch hier Fragen nach jenen Jugendlichen auf, die nicht auf derlei Veranstaltungen zu finden sind. "Hier spiegelt sich das nicht wieder, aber eines der größten Probleme ist schon, dass sich viele Jugendliche nicht für die EU interessieren", meinte etwa auch Paul Hübner, ein Schüler aus Wien.

Tatsächlich findet sich diese Einschätzung auch in den Ergebnissen der im Mai veröffentlichten Eurobarometer-Umfrage wieder. Die jüngste Altersgruppe (15-24 Jahre) misst dem Wahlgang zum EU-Parlament im Vergleich zu den anderen Altersgruppen die geringste Bedeutung bei.

Und obwohl ein Jugendthema -der Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit- mit 48 Prozent insgesamt auf Platz zwei der erwünschten EU-Wahlkampfthemen rangiert, geben lediglich 49 Prozent der Befragten aus der Altersgruppe 15-24 Jahre an, sich für europäische Angelegenheiten zu interessieren.

Interesse steigt mit Bildungsniveau und Alter

Die Umfrage zeigt allerdings auch, dass das Interesse mit steigendem Alter und Bildungsniveau zunimmt: Bereits Befragte ab dem Alter von 25 Jahren (Altersgruppe 25-39 Jahre) zeigen ein um fünf Prozentpunkte gesteigertes Interesse an der EU, gegenüber der jüngeren Altersgruppe. Und auch unter jenen Befragten, die studieren, war das Interesse an der EU mit 56 Prozent höher als im Schnitt der Altersgruppen 15-24 Jahre (49 Prozent) und 25-39 (54 Prozent).

Bildung und Mobilität wichtig

Bildung und Mobilität, beziehungsweise deren Kombination, sind denn auch jene Bereiche, die von Jugendlichen oft als vorteilhafte Aspekte der EU wahrgenommen werden. Laut dem "Flash-Eurobarometer. The European Education Area" zum Thema Bildung, halten 90 Prozent der Befragten zwischen 15 und 30 Jahren Auslandserfahrungen für wichtig.

"Der administrative Aufwand um im Ausland zu studieren, dort eine Wohnung zu suchen und so weiter, war für mich durch die EU quasi nicht vorhanden.", schilderte ein Teilnehmer des Jugendevents aus Klagenfurt seine persönlichen Erfahrungen.

»"Von jenen Personen, die mobil sind, ist der Großteil jung"«

"Von jenen Personen, die mobil sind, ist der Großteil jung", erklärt Elisabeth Gruber, Migrationsforscherin an der Universität Wien, im Gespräch mit der APA. Sie forscht im Rahmen des Projektes YOUMIG zum Thema Jugendmigration im Donauraum, das im Rahmen des "Danube Transnational Programme" von der EU gefördert wird.

An die Gruppe der mobilen Jugend versucht die EU denn auch thematisch anzuknüpfen: Bei ihrer Rede am Europäischen Jugendevent in Straßburg betonte die EU-Kommissarin für Beschäftigung, Soziales, und Arbeitskraftmobilität, Marianne Thyssen, die Verbriefung des Zugangs zu Bildung, Ausbildung und Lebenslangem Lernen in der Europäischen Säule sozialer Rechte im November vergangenen Jahres. Der Kommissions-Vorschlag für das nächste EU-Budget sieht eine Verdoppelung der Mittel für Erasmus+ vor, am 22. Mai 2018 wurde zudem eine neue EU-Jugend-Strategie präsentiert.

Die Motivationen für Jugendmigration seien im Wesentlichen dieselben, wie bei anderen Formen der Migration, erklärt die Migrationsforscherin Elisabeth Gruber von der Universität Wien: Arbeit, Bildung und Familie. Dass die Migrationsrate bei jungen Menschen zwischen 20 und 30 dennoch am höchsten ist, liege daran, dass die persönlichen Gewinne durch Migration in dieser Zeit höher sind, als die Migrationskosten.

Viele der jungen Migranten im Donauraum würden laut Gruber die Erweiterung ihrer persönlichen Möglichkeiten mit dem EU-Binnenmarkt in Verbindung bringen und den EU-Beitritt ihrer Länder positiv bewerten, so Gruber. Erste Ergebnisse des Projektes YOUMIG zeigen auch, dass sich viele der Befragten oft nicht mehr als Migranten verstehen, wenn sie beispielsweise von Rumänien nach Österreich ziehen, weil die kulturelle Nähe innerhalb des Donauraumes als sehr groß empfunden wird.

Abwanderungs- und Aufnahmeländer stünden in Bezug auf Migration jeweils vor unterschiedlichen Herausforderungen, wie die Migrationsforscherin erklärt. Diese reichen vom sogenannten "Brain Waste", durch mangelnde Anerkennung von Qualifikationen und Integration am Arbeitsmarkt in Aufnahmeländern, bis hin zu demografischer und ökonomischer Ausdünnung in den Abwanderungsländern.

Personenfreizügigkeit infrage zu stellen "nicht zielführend"

Aufgrund dieser Herausforderungen die Personenfreizügigkeit infrage zu stellen, wie das Vizekanzler Strache vergangenen Monat im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung in Wien angeregt hatte, ist für die Migrationsforscherin allerdings nicht zielführend: "Aus wissenschaftlicher Perspektive gibt es zum Thema Migration und Entwicklung mittlerweile den Konsens, dass Migration langfristig gesehen zu einer Angleichung der wirtschaftlichen Entwicklung führen kann, weil gerade junge Menschen durch Migration kulturelles, soziales und eben auch finanzielles Kapital generieren können.", so Gruber gegenüber der APA.

Die Personenfreizügigkeit sei damit auch Teil der Kohäsionspolitik innerhalb der EU: "Vielleicht nicht aus territorialer, jedoch aus individueller Perspektive im Sinne einer Chancengleichheit."

Kommentare