„Wenn’s brennt, wachst’s zsam!“

Warum die offenen Konflikte unserer Gesellschaft auch Symptome des Näherkommens sein können

Kulturwissenschaftlerin Judith Kohlenberger analysiert in ihrem Gastbeitrag, warum die schmerzhaften Debatten und Konflikte eher ein Zwischenschritt am Weg zur Heilung und Einigung der Gesellschaft, zur Rückkehr des kollektiven "Wir" sein könnten, denn ein gänzliches Auseinanderbröckeln bewirken.

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Corona-Demonstration © Bild: APA/Neubauer

Neben Mutationen, einem wieder steigenden Infektionsgeschehen und Rekordarbeitslosigkeit geben auch die mittlerweile regelmäßig stattfindenden Corona-Demonstrationen auf der Wiener Ringstraße Anlass zu Sorge. Sie veranschaulichen, dass Integration ein kontinuierlicher Prozess für die gesamte Gesellschaft ist, der, vollkommen losgelöst von Fragen der Herkunft oder Ethnizität, nie abgeschlossen sein kann und wird. Wenn „besorgte Bürger“ mit amtsbekannten Rechtsradikalen demonstrieren, wenn Tirolerinnen und Tiroler mit Heugabeln busseweise in die Bundeshauptstadt einreisen, wenn der Impfneid um sich greift, dann findet gesellschaftliche Segregation statt. Die Trennlinien sind diffus, aber tiefgehend, und betreffen sogar vermeintlich grundlegende Wahrheiten und empirische Fakten. Demokratie basiert auf einer gemeinsam akzeptierten Realität und genau diese, so mag man in den letzten Wochen meinen, kommt uns zunehmend abhanden.

Bedeutet das aber, dass die solidarische Gesellschaft gescheitert ist und wir immer weiter auseinanderdriften? Dass Österreich mehr als je zuvor gespalten ist und das Gemeinsame zu bröckeln droht, dass der viel zitierte „common ground“ nun endgültig verloren geht? Dass wir nur neben einander, aber nicht mehr mit oder gar für einander leben? Dass es das „Wir“ schlichtweg nicht mehr gibt?

»Wie bei einer Wunde, die juckt und wehtut, wenn sie zusammenwächst und heilt [...], tut auch das Zusammenwachsen von unterschiedlichen Gruppen, die wenig miteinander zu tun haben oder gar im offenen Kampf zueinanderstehen, weh«

Lassen Sie mich in einer Zeit, die uns viel Leid beschert und zunehmend an die Substanz unseres Seins geht, für ein wenig Ermutigung eintreten. Für eine affirmative und damit hoffnungsgebende Leseweise unserer neuen Corona-Normalität, in der offen ausgetragene Konflikte zwischen sozialen Gruppen nicht (nur) als Zeichen einer verstärkten Polarisierung verstanden werden können, sondern als schmerzhafte, stechende Symptome des Ausverhandelns, des Näherkommens und letztendlich des Zusammenwachsens. Wie bei einer Wunde, die juckt und wehtut, wenn sie zusammenwächst und heilt, und die auch lange danach noch wetterfühlig und empfindlich bleibt, tut auch das Zusammenwachsen von unterschiedlichen Gruppen, die wenig miteinander zu tun haben oder gar im offenen Kampf zueinanderstehen, weh. Zusammenwachsen ist ein mitunter qualvoller und anstrengender Prozess, der nicht ohne Aufbrechen von Altem und Entstehen von Neuem abläuft; ähnlich dem Aufbrechen einer eitrigen Beule, die erst danach zu heilen beginnen kann, und die sich im Heilungsprozess immer wieder mit Ziehen, Zwicken, Brennen und Krustenbildung äußern wird.

„Wenn’s brennt, wachst’s zsam!“, pflegte meine Oma zu sagen, wenn meine Schürfwunde mit Wasser in Berührung kam und mich zusammenzucken ließ. Dieser Satz meiner Oma hat mir als Kind geholfen, den Schmerz besser zu ertragen und, noch viel wichtiger, daran zu glauben, dass eben weil es jetzt brennt, alles wieder gut, oder zumindest besser werden wird. Und weil ich dank der unerschütterlichen Sicherheit meiner Oma ganz fest daran glaubte, war das tatsächlich immer der Fall. Die moderne Medizin gibt ihr mittlerweile recht: Positive Grundeinstellungen reduzieren Belastungen und unterstützen die Heilung des Körpers. Der Weg dahin führt aber über mitunter mühevolle, schmerzhafte Immunreaktionen, Fieber und Entzündungen.

»Um einander nachhaltig näherzukommen, müssen diese Verschiedenheiten offengelegt und ausgetragen werden«

Umgelegt auf unsere Gesellschaft bedeutet das, schmerzhafte Konflikte, Debatten und Auseinandersetzungen als notwendigen, ja sogar positiven Zwischenschritt zur tatsächlichen Heilung zu sehen – in diesem Fall zu einem gemeinsamen, größeren Wir und einer solidarischen Gesellschaft. Denn Debatten und Konflikte können eben nur dann entstehen, wenn zwei Seiten in Austausch treten. Erst dann zeigt sich, dass man manches ähnlich, vieles aber anders sieht. Um einander nachhaltig näherzukommen, müssen diese Verschiedenheiten offengelegt und ausgetragen werden, und das ist mitunter mühsam, anstrengend und schmerzhaft. Niemand hat gesagt, dass es bequem wird.

In einer affirmativen Leseweise können gesellschaftliche Konflikte also als Wachstumsschmerzen des Wir verstanden und positiv besetzt werden. So wie das Jucken, Brennen und Kribbeln einer offenen Wunde, die sich langsam wieder zu schließen beginnt, Teil des Zusammenwachsens von Haut, Nervenenden und Muskulatur ist, so muss auch eine Gesellschaft diese Konflikte aushalten können, ja sie sogar pflegen dürfen. Denn was, wenn nicht eine globale Pandemie, hat das Potential für eine tiefe Wunde, deren zähe, schmerzhafte Heilung wir erst einmal geschehen und aushalten müssen.

» Wachstumsschmerzen auszuhalten heißt sehr wohl, zugrundeliegende Hemmfaktoren des Zusammenwachsens, allen voran Fragen der Verteilung von Macht und Ressourcen, zu thematisieren. «

Solche Wachstumsschmerzen auszuhalten heißt aber nicht, die realpolitische Auswirkungen und das Unbehagen, das sie verursachen, zu negieren. Die Coronamaßnahmen, von Kurzarbeit über Wirtschaftshilfen bis hin zu Bildungsoffensiven, müssen tatsächliche wie subjektive Bedrohungsgefühle ansprechen und so gestaltet sein, dass Menschen ihren Selbstwert und Würde erhalten können. Denn Wachstumsschmerzen auszuhalten heißt sehr wohl, zugrundeliegende Hemmfaktoren des Zusammenwachsens, allen voran Fragen der Verteilung von Macht und Ressourcen, zu thematisieren. Um Ausgrenzung und Spaltung zu überwinden und ein größtmögliches Wir zu schaffen, müssen die bestmöglichen Bedingungen für den gesellschaftlichen Heilungsprozess geschaffen werden. Das beginnt bei rechtlicher Gleichstellung und sozialer Sicherheit als Fundament und endet im höchstpersönlichen Bereich, wenn wir auf alltägliche Grenzüberschreitungen, Hass und Diffamierung hinweisen. Auch das stört im Einzelfall die vermeintliche Harmonie einer entspannten Freundesrunde oder Familienfeier, verursacht aber genau jenen schmerzhaften Dissens, den unsere Gesellschaft zum Zusammenwachsen braucht.

Judith Kohlenberger ist Kulturwissenschaftlerin und forscht an der WU Wien zu Migration und Integration. Ihr Essay „Wir“ ist in der Reihe übermorgen bei Kremayr & Scheriau erschienen.

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