Josef Votzi über Molterers Startvorteil und Faymanns bessere Karten bei Sachthemen

"Der blasse Willi liegt vor dem smarten Werner" Der NEWS-Chefredakteur exklusiv für news.at

Josef Votzi über Molterers Startvorteil und Faymanns bessere Karten bei Sachthemen © Bild: Josef Votzi/NEWS

Josef Votzi - NEWS-Chefredakteur und einer der fundiertesten Experten in der heimischen Innenpolitik - beurteilt für news.at die Situation nach der Ausrufung der Neuwahlen: Bei dieser Wahl ist alles anders - und das ist gut so!

Seit Montag dieser Woche ist Gusenbauer als SP-Chef und Kanzler Geschichte und der spannendste Wahlkampf der Zweiten Republik eröffnet. Denn bei der Wahl 2008 ist vom Start weg alles anders.

Die eiserne Formel, dass derjenige, der derart vorzeitig Neuwahlen vom Zaun bricht, sie automatisch schon verloren hat, ist Makulatur. Zwei Drittel der Wähler haben sich inzwischen mit dem Absprung in Neuwahlen angefreundet, so das Ergebnis der großen NEWS-market-Umfrage. Die Österreicher schicken den Wahl-Provokateur Molterer mit einem klaren Startvorteil ins Rennen: Die ÖVP liegt mit 33 zu 26 Prozent haushoch vor dem Ex-Koalitionspartner.

Der blasse Willi hat sich mit den zwei erlösenden Vokabel “Es reicht!” auch persönlich in die Pole-Position katapultiert. Er liegt mit 29 zu 26 Prozent bei der Kanzler-Direktwahl knapp aber doch vor den smarten Werner.

Entschieden ist damit mehr als 11 Wochen vor dem Wahltag am 28. September noch gar nichts. SP-Spitzenkandidat Werner Faymann hat bei den Sachthemen, die derzeit Hochkonjunktur haben, die beliebteren Rezept-Karten in der Hand: Kampf gegen Teuerung, Sicherung der Pensionen, Sanierung des Gesundheitssystems. Nur ein Thema sticht selbst diese drei roten Heimspiel-Hits aus: Ganz oben auf der Wunschliste der Österreich steht: “Eine stabile Regierung statt Dauerstreit”.

Das auf den ersten Blick einzig populäre Thema, mit dem die ÖVP in den Wahlkampf ziehen will.

Und dennoch strotzt ÖVP-Chef Wilhelm Molterer vor Selbstbewusstsein wie nie zuvor: Ähnlich wie 2002 als die ÖVP nach der blauen Selbstvernichtungsschlacht von Knittelfeld einen haushohen Wahlsieg landete, glaubt er werden auch 2008 viele "ein Stück Weges mit der ÖVP" gehen, die mit den Schwarzen nichts am Hut haben. Die klare Verhältnisse statt Dauerstreit wollen, die nach Leadership verlangen.

Zwei hoch emotionelle Streitfragen werden daher diesen Wahlkampf bis zur letzten Sekunde begleiten: Wer ist hauptsächlich Schuld am rot-schwarzen politischen Kasperltheater der letzten zwei Jahre, das das Krokodil aus dem blauen Sumpf wieder wachküsste? Und wer ist wirklich in der Lage, dem Land eine Neuauflage von Dauerstreit und Sinnlos-Blockade zu ersparen?

Denn bei dieser Wahl ist wirklich alles anders: Erstmals kandidieren zwei Kanzler-Kandidaten, die beide als Regierungschefs unbeschriebene Blätter sind. Bei allen Wahlkämpfen der zweiten Republik trat bislang ein amtierender Kanzler gegen den jeweiligen Herausforderer an. Erstmals steht ein Lagerwahlkampf mit völlig neuer Frontaufstellung bevor: Gegeneinander stehen nicht Schwarz-Blau und Rot-Grün.

Der Wahlkampf 2008 startet mit dem Front Verlauf: Hier Rot & Blau, dort Schwarz & Grün.

Denn Rot und Blau stehen sich nach der EU-Kehrtwende von Gusenbauer & Faymann inhaltich noch näher als vielen in der SPÖ lieb ist. Die ÖVP liebäugelt offensiv wie nie zuvor mit einer schwarz-grünen Koalition.

2008 brechen endgültig alle 50 Jahre eisern geltenden politischen Lager-Formeln auf. Die große Zwangs-Koalition alten Stils ist politisch tot, der Weg für neue Formen des politischen Zusammenspiels frei - und das ist gut so. Die spannendste Wahlauseinandersetzung der Zweiten Republik ist ab sofort eröffnet.

von Josef Votzi