Nahost von

Nach Jerusalem-Anschlag:
Angst vor Religionskrieg

Blutigster Angriff auf im Glauben versammelte Juden seit sechs Jahren

Jerusalem © Bild: Reuters/O'Reilly

Vier strenggläubige Juden, ausgebildete Rabbiner, die aus den USA und Großbritannien einwanderten, liegen tot auf dem Boden der Synagoge in der "Straße des Weisen Shimon Agassi" von Har Nof. Ihre Gebetsschals und die kleinen ledernen Schachteln mit Thora-Zitaten auf Pergament färben sich in ihrem Blut.

Jerusalem steht nach dem Anschlag im Stadtviertel Har Nof an diesem Dienstag unter Schock. Es ist der blutigste Angriff auf im Glauben versammelte Juden seit sechs Jahren.

Das ausschließlich von Ultraorthodoxen bewohnte Viertel, in dem die Bluttat verübt wurde, ist nur durch ein Waldstück von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem getrennt. Diese geografische Symbolik ist ein Zufall, illustriert aber, wie sich der bisher in erster Linie politische Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in diesen Tagen in einen grausamen ethnischen und religiösen Konflikt zu verwandeln droht.

Nachdem die acht Verletzten, darunter zwei Polizisten, ins Hospital gebracht sind, werden die vier Leichen in weißes Plastik gehüllt behutsam herausgetragen und abtransportiert. Auf einem Spielplatz neben der Synagoge bewegt ein Mann in schwarz-weißem Gebetsmantel schaukelnd den Oberkörper und ruft mit flehenden Armen und schmerzvoller Stimme seinen Allmächtigen an. Vor den Polizeiketten weinen Frauen.

Kein Verständnis

Niemand kann hier verstehen, warum die Bluttat ihre ruhige Nachbarschaft traf, etliche Kilometer entfernt von den Brennpunkten im annektierten Osten der Stadt oder im militärisch besetzten Westjordanland. Weil der jahrzehntelange nationale Streit zwischen Israelis und Palästinensern um das Land zunehmend von religiösen Disputen überformt wird, ist nun jedes Gotteshaus ein mögliches Anschlagsziel.

So brannte vor einer Woche nahe Ramallah eine Moschee aus; vieles deutet darauf hin, dass die Täter aus einer benachbarten jüdischen Siedlung kamen. Akuter Auslöser der aktuellen Gewalttaten ist ein Streit um die Nutzung der Hochterrasse mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee in der Jerusalemer Altstadt, die von den Juden als Tempelberg geheiligt wird.

Aufgeladene Atmosphäre

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte am Wochenende in Ramallah und Jerusalem selbst gespürt, "wie aufgeladen die Atmosphäre dort ist". In Kiew - und mit den gordischen Knoten eines weiteren internationalen Brandherds konfrontiert - wiederholt der Politiker am Dienstag das Fazit, das er schon am Sonntagabend an Ort und Stelle sichtlich besorgt gezogen hatte: "Die Überlagerung der zahlreichen ungelösten politischen Fragen mit religiöser Konfrontation gibt einem ohnehin ernsten Konflikt eine neue gefährliche Dimension."

Überwältigende Zahl von Karikaturen

Daniel Nisman, Gründer der mit Risikoforschung befassten Levantine Group, stellt fest, dass "alle möglichen radikalen Palästinensergruppen das Al-Aksa-Thema ausnutzen, um einen Heiligen Krieg zu befördern". Er verweist auf "die überwältigende Zahl von Karikaturen in arabischen Zeitungen und sozialen Netzwerken, die vorne einen Anschlag und im Hintergrund den Felsendom zeigen".

Kobi Michael, Ex-Diplomat und jetzt Konfliktforscher in Tel Aviv beim Think Tank INSS, nennt "das Ereignis außergewöhnlich ernst". Es könne die Lage völlig verändern: "Bei allen liegen die Nerven blank, speziell in Jerusalem fühlt sich niemand mehr sicher. Daraus entsteht ein öffentlicher Druck, der die Entscheidungsträger zu Handlungen verleiten könnte, die nicht ihren eigentlichen Überzeugungen entsprechen."

Stadtviertel trennen?

Um die Anschlagswelle mit Autos, Baggern, Pistolen und Stichwaffen sofort zu stoppen, müssten die arabischen und jüdischen Stadtviertel eigentlich hermetisch voneinander getrennt werden, sagt Nisman. "Aber das ist ein zweischneidiges Schwert. Es könnte verstärkte Spannungen mit den ausgesperrten Einwohnern erzeugen, von denen die große Mehrheit ja keinerlei Eskalation wünscht."

Das sieht auch Marc Heller so, Politologe am INSS: "Ein Wundermittel gibt es nicht. Denn eine totale Abtrennung von Juden und Arabern ist in Jerusalem nicht möglich, wo beide Volksgruppen Seite an Seite leben." Die Regierung werde nun zweifellos auf eine weitere Verschärfung der Repression setzen, erwartet Heller. "Aber das Problem wird dadurch nicht gelöst."

Kommentare

Oliver-Berg

Es gibt wohl nichts schlimmeres als friedlich im Gebet vereinte Menschen durch ein Attentat zu töten und zu verletzen.

Die Palästinenser treiben es noch so weit, bis den Israelis endgültig der Kragen platzt. Warum Frieden anstreben, wenn die Araber permanent provozieren? Raketenbeschuss & Attentate am laufenden Band. Das führt nicht zu Frieden sondern zu weiteren Aggressionen.

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