Jemen von

Horror-Attentat in Sanaa

90 Tote und mindestens 300 Verletzte bei Selbstmordattentat in der Hauptstadt

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    Spezialisten sammeln nach dem Selbstmordanschlag im Jemen Beweisstücke ein.

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    Mehr als 90 Menschen sind gestorben, über 300 verletzt.

Ein Anschlag mit Dutzenden Toten im Zentrum der Macht trifft den Jemen ins Mark. Offenbar steckt der örtliche Ableger der Al-Kaida dahinter. Die Terroristen im Süden der arabischen Halbinsel zeigen, dass mit ihnen noch zu rechnen ist. Es war ein besonders hinterhältiger Anschlag. Der Attentäter war in seiner Militäruniform zur Generalprobe für die Parade zum Nationalfeiertag erschienen. Er reihte sich in die Formation ein, marschierte mit, führte die Kommandos aus. Dann zündete er den Sprengstoff, den er, für die anderen nicht sichtbar, unter seinem Uniformhemd verbarg. Der UN-Sicherheitsrat hat den Anschlag deutlich verurteilt.

Dutzende Soldaten riss der Terrorist mit in den Tod. Der Anschlag am Montag, einen Tag vor dem jemenitischen Nationalfeiertag, im Zentrum der Hauptstadt Sanaa, unweit des Präsidentenpalastes und einer großen Armeegarnison, schockierte das Land. Auch wenn sich vorerst niemand zum schlimmsten Blutbad seit Monaten bekannte: die Handschrift der Terrororganisation Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel (AQAP) war unverkennbar.

Chaotischen Zustände im bitterarmen Jemen
Nach dem Tod von Al-Kaida-Führer Osama Bin Laden vor einem Jahr erwies sich die jemenitische AQAP als die vitalste Unterorganisation des Terrornetzes. Dabei halfen ihr die chaotischen Zustände im bitterarmen Jemen. Seit Februar des Vorjahres verlangten Hunderttausende Demonstranten den Rücktritt des damaligen Präsidenten Ali Abdallah Saleh. Bei der Unterdrückung der Proteste floss viel Blut. Saleh übergab schließlich im November das Amt an seinen Vize Abed Rabbo Mansour Hadi.

Todesurteile und Köpfe abschlagen
Das lange Ringen mit dem sich zäh an seinen Posten klammernden Saleh erzeugte ein Machtvakuum, das sich die AQAP-Terroristen zunutze machten. Sie brachten mehrere Städte in den südlichen Provinzen unter ihre Kontrolle. Dort richteten sie "Scharia-Gerichte" ein - Ad-hoc-Gerichte zur Verhängung islamischer Strafurteile wie Köpfen und Abschlagen von Gliedmaßen. Etliche Todesurteile wurden vollstreckt. Die Bürger in diesen Gebieten ächzen unter ihrer brutalen Herrschaft.

Aber auch international ist die jemenitische Al-Kaida der derzeit aktivste Ableger des Terrornetzes. Weihnachten 2009 versuchte ein im Jemen instruierter und mit einer Bombe ausgestatteter Nigerianer, ein US-amerikanisches Flugzeug beim Anflug auf Chicago in die Luft zu jagen. Ein mitreisender Passagier konnte den "Unterhosen-Bomber" noch rechtzeitig stoppen. Ein ähnlicher geplanter Anschlag auf ein Passagierflugzeug konnte Anfang des Monats vereitelt werden: Der ausersehene Attentäter war ein eingeschleuster saudischer Agent.

Jemenitische Al-Kaida drohte mit Fortsetzung ihres "Krieges"
Zuletzt unternahmen die jemenitischen Streitkräfte neue Anstrengungen, um die AQAP aus ihren südlichen Hochburgen zu vertreiben. In der Provinz Laudar verzeichneten sie in der vergangenen Woche Erfolge. Anfang des Monats tötete eine US-Drohne den Top-Terroristen Fahd al-Kuso. Die jemenitische Al-Kaida drohte daraufhin in einer Botschaft mit einer Fortsetzung ihres "Krieges" gegen die "Kreuzritter".

Die AQAP betrachtet den durch eine Wahl im Februar bestätigten Präsidenten Hadi als "Lakaien" der Amerikaner. Bei der Parade an diesem Dienstag soll er mitten auf der Ehrentribüne stehen. In Sanaa rätselte man am Montag noch, warum sich der Anschlag gegen die Generalprobe ohne die höchsten Gäste richtete. Gingen die Terrorplaner davon aus, dass die Sicherheitsvorkehrungen beim Probelauf laxer sein würden? Oder war das Blutbad als letzte Warnung an den ersten Mann des Staates gemeint?