Jelinek exklusiv im NEWS-Interview: Jahrelange Pause als Theaterautorin!

"Lieber Genscher und Mock als Handke belangen"

Elfriede Jelinek wir mehrere Jahre lang kein Theaterstück mehr schreiben. Das kündigt die österreichische Literaturnobelpreisträgerin in einem Interview für die aktuelle NEWS-Ausgabe an. Jelinek, deren RAF-Stück "Ulrike Maria Stuart" im Oktober am Hamburger Thalia-Theater uraufgeführt wird: "Also ich finde wirklich, ich habe genug Stücke geschrieben. Jetzt ist einmal für ein paar Jahre Pause. Niemals sollte man nie sagen. Es kann immer wieder passieren, dass Ereignisse eine dramatische Verarbeitung verlangen. Nur leider sind die Theater so langsame und schwerfällige Institutionen, dass sie darauf dann nie rechtzeitig reagieren können."

Das Stück kommentiert die Nobelpreisträgerin so: "Ich wollte nach den "Prinzessinnendramen" noch als Abschluss ein Königinnendrama schreiben. Die Prinzessinnen sind ja in gewisser Weise unfertig, ewige Mädchen, auch wenn sie Präsidentengattinnen sind (Jackie), aber dann sind sie halt Gattinnen bedeutender Männer, und damit hat es sich. Aber Königinnen sind nicht nur Subjekte der Geschichte, was Frauen selten sind, sie machen auch Geschichte, was Frauen so gut wie nie dürfen. Elisabeth I. und Mary Stuart waren Königinnen, und Schiller ist ja der große Dramatiker der Frauen, dafür verehre ich ihn sehr. Schillers Stück ist schon ein wahnwitzig leidenschaftliches Drama, und mein eigenes Stück verwendet es sozusagen als Takt-, als Rhythmusgeber, denn es ist ausschließlich in gebundener Sprache, im Versmaß, eben Schiller zu Ehren, geschrieben. Es hat mich gereizt, alle Machtmechanismen, die man kennt und die man immer nur Männern zuschreibt, auf zwei Frauen zu übertragen, die beide, jede auf ihre Weise, überlebensgroß sind, die nirgends hineinpassen, sich nicht einfügen wollen und können. Es ist übrigens kein Wunder, dass uns die sentimentalische Maria mehr interessiert, weil sie ihre Weiblichkeit nicht verleugnet, sondern ausgespielt hat, aber auch sie war eine Intellektuelle, die sich die kompliziertesten Geheimcodes für ihre Korrespondenz ausgedacht hat, während Elisabeth Jungfrau zu sein und zu bleiben hatte. Ich habe diese Mechanismen auf zwei andere Frauen übertragen, Ulrike Meinhof als Maria und Gudrun Ensslin als Elisabeth, die beide - wenn auch nur für kurze Zeit, die heute nur noch als Folklore weiterlebt - Geschichte gemacht haben. Ich gebe diesen zwei Frauen sozusagen ihren Anteil an der Geschichte wieder zurück, auch wenn dieser Anteil ein düsterer und negativer und bedrückender ist."

Dass man Peter Handke den Düsseldorfer Heine-Preis aberkennen will, wird von Elfriede Jelinek im NEWS-Interview scharf kritisiert: "Mir macht das schon Sorge, dass da jetzt gegen einen Dichter so gehetzt wird. Ich bin ja politisch absolut nicht seiner Meinung (da fängt es ja schon an, das sollte ich gar nicht zu sagen brauchen!), der drohende Völkermord hat für mich das Eingreifen der NATO gerechtfertigt, aber als Mensch, der für die Aufklärung ist, hat man für die Meinung des anderen zu kämpfen, das ist doch eine Binsenweisheit. Es sind in Bezug auf Handke so viele Falschmeldungen im Umlauf, z. B. diese schreckliche Äußerung über die Serben in Relation zu der Judenverfolgung, die er längst klargestellt und widerrufen hat. Ich meine, sein Werk, das Denken in seinem Werk sollte für ihn sprechen, und er ist ein Autor von Weltgeltung. Und er denkt nach, indem er schreibt, er verfertigt die Gedanken beim Schreiben, und diese Gedanken sollen und dürfen nicht auf ein vorgegebenes Ziel gerichtet sein, das ist Literatur. Und übrigens: Seltsam ist es schon, dass die Politiker, die am Anfang des Balkankonflikts Mitschuld am Zerfall Jugoslawiens getragen haben, Mock und Genscher, so überhaupt nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Dass man ausgerechnet auf einen Dichter losprügelt. Dichter sind machtlos und müssen es sein."

Die gesamte Story lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von NEWS!