Jeder Zweite in Österreich traumatisiert:
Zentrale Rolle für Angst und Depressionen

Frauen und ethnische Minderheiten eher gefährdet Nachkriegsgeneration: Trauerarbeit eher von Kindern

Traumatisierungen, wie sie vom Zweiten Weltkrieg-Betroffene erlebt haben, führen oft zu schweren psychischen Schäden. Doch Traumatisierungen enden nicht mit der Generation, die sie erlebt haben, erklärte David Vyssoki von ESRA, dem psychosozialen Zentrum der Kultusgemeinde, bei einer Pressekonferenz anlässlich des Gedenkjahres 1938-2008 in Wien. Heutzutage stehe in diesem Zusammenhang vermehrt die "Second Generation" im Vordergrund.

Das im Krieg Erlebte werde innerhalb der Familie weitergegeben, Kinder würden sich in ihre Eltern einfühlen, so Vyssoki. Ein wesentlicher Motor der sogenannten transgenerationellen Traumatisierung sei die Weitergabe des "schuldhaften Überlebensgefühl": Die Kinder würden stellvertretend für die Eltern Trauerarbeit leisten.

Hohes Risiko
Generell bestehe für jeden ein hohes Risiko, im Laufe des Lebens einmal oder wiederholt einem traumatischen Ereignis ausgesetzt zu sein, erklärte Hans-Peter Kapfhammer von der Grazer Uni-Klinik für Psychiatrie. Schätzungsweise jeder zweite in Österreich sei traumatisiert: oft durch körperliche Misshandlung und sexualisierte Gewalt, zunehmend auch wieder durch Kriegserlebnisse und Folter, so Michael Bach vom Department für Psychosomatik am Krankenhaus Enns.

Zu den Risikofaktoren, die nach einem Trauma eher zu psychologischen Problemen führen können, zählen u. a. weibliches Geschlecht, ethnische Minderheit, geringer sozioökonomischer Status und frühere Traumatisierungen.

Dysfunktionen
Typische Reaktionsformen von Trauma sind die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und Depressionen. Neurobiologisch komme es infolge traumatischen Stress zu Reaktionen in verschiedenen Hirnarealen, so Kapfhammer. In zahlreichen Neurotransmittern, im Stress-Hormon-System und im autonomen Nervensystem könnten Dysfunktionen nachgewiesen werden.

Zentrale Rolle spielt die Angst: "Depression und Angst sind etwas, von denen man meint, es sei etwas allgemein Menschliches - und dann hat man die Krankhaftigkeit erkannt", meinte Siegfried Kasper von der Uni-Klinik für Psychiatrie des AKH Wien. Angst werde biologisch abgespeichert: "Die merkt man sich genauso wie die heiße Herdplatte." Demnach könnten Traumata auch erst nach Wochen, Monaten oder Jahren hervorkommen bzw. wieder "aufblühen". Vor allem im hohen Alter könne das Erlebte wieder durchbrechen.

Oft gehen auch PTBS und Alkoholsucht Hand in Hand - und dabei bei Frauen öfters als bei Männern, berichtete Harald Schuber vom Psychiatrischem Krankenhaus Tirol. Konkret betrage die Lebenszeitprävalenz von Alkoholabhängigkeit und PTBS bei Männern 10,3 Prozent und bei Frauen 26,2 Prozent. (apa/red)