Ein Jahr "neue ÖVP" von

Türkises
Erwachen

Renate Kromp © Bild: Ian Ehm/News

Endlich wieder Kanzlerpartei sein: Diese Aussicht überzeugte vor einem Jahr fast alle, die in der ÖVP etwas mitzubestimmen hatten.

Wer in früheren Jahren Sebastian Kurz und seine jugendliche Anhängerschar nicht ganz ernst genommen hat, bereut das sicher längst - vor allem innerhalb der ÖVP. Manche dort wollen sich vielleicht gar nicht mehr daran erinnern, wie sie sich über den ehrgeizigen Jungspund lustig gemacht haben, der in Wien fragwürdige Wahlkampf-Gags lieferte. Oder dass sie später, als Kurz mit Musterschüler-Nimbus das neu geschaffene Integrationsstaatssekretariat übernahm, spürbar Distanz zu ihm hielten. Wer wollte schon mit einem programmierten Verlierer aufs Foto, wenn er selbst noch Karrierepläne in der Politik hatte?

Ein kleiner historischer Irrtum war das, denn seit einem Jahr ist Kurz ihr gewählter Parteichef. Und auch ein nachhaltiger Fehler: Sebastian Kurz und seine engsten Getreuen haben wohl nicht vergessen, wer damals Abstand hielt. Und so finden sich manche Schwarze in einer neuen, unangenehmen Lage wieder: Sie gehören nicht dazu, und das lässt man sie auch spüren, bindet sie nicht mehr in Entscheidungen ein. Schon winden sich manche, klagen hinter den Kulissen: Die Härte, die Kurz in all seinen politischen Maßnahmen an den Tag legt, mache auch vor ihnen nicht Halt.

Endlich wieder Kanzlerpartei sein: Diese Aussicht überzeugte vor einem Jahr fast alle, die in der ÖVP etwas mitzubestimmen hatten. Weitreichende Kompetenzen für den neuen Chef? Kein Problem. Er möchte sich seine Minister alleine aussuchen? Ist ja völlig klar. Nur was er sagt, gilt? Bitte, gerne. Applaus. Kurz wusste damals, was er tat. Die ÖVP-Funktionäre, die ihm in Linz in allen Punkten zustimmten und danach ausgelassen Party machten, wollten es gar nicht so genau wissen.

Endlich wieder Kanzlerpartei, da wollte man innerhalb der ÖVP bisher gar nicht offen Kritik üben. Doch jetzt murren manche, und das auch öffentlich: Was Kurz vorgibt, schreckt nicht nur Arbeitnehmer und rote Gewerkschafter. Auch die Türkisen haben ihren Arbeitnehmerbund, und dessen Funktionäre dürfen sich bei Reformen wie dem Zwölf-Stunden-Tag wohl einiges von ihren Mitgliedern anhören. Auch im ÖAAB sind viele alarmiert, wenn sie hören, dass die Wirtschaftskammer die fünfte Urlaubswoche als "Gold Plating", also Übererfüllung von EU-Regeln, interpretiert. Denn für den Wirtschaftsflügel der Partei hieß es unter Kurz bisher meist: Sie wünschen, wir spielen.

Ebenfalls gefährlich nahe am Lager der Unzufriedenen: Länderchefs, die bei Reformen der Bundesregierung Einfluss verlieren und auch noch draufzahlen müssen. Kurz ist ein gewiefter Kommunikator, versteht es, Gesprächspartner zu umgarnen. Nach seinem ersten Jahr an der Spitze hat er bereits viel Gesprächsbedarf.

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