Ivica Racan im Porträt: Der "Rekordhalter"
in der kroatischen Politik ist tot

Seit ersten freien Wahlen Parteichef der Sozialisten Ex-Ministerpräsident war als Student ein Rebell

Der ehemalige kroatische Premier Ivica Racan (2000-2003) ist tot. Racan war ein Rekordhalter in der kroatischen Politik: Er war seit den ersten freien Wahlen in Kroatien 17 Jahre lang Präsident der Sozialdemokratischen Partei (SDP), die momentan zweistärkste politische Kraft Kroatiens ist. Er trat als Partei- und damit Oppositionschef erst am 11. April zurück. Er war auch der einzige Parteichef des Landes, der nicht in Kroatien geboren wurde. Und seit er an Krebs erkrankt war, fühlte eine große Mehrheit in Kroatien mit ihm, obwohl er nie ein politischer Star war.

Der Ex-Kommunist wurde am 24. Februar 1944 im sächsischen Ebersbach als Sohn einer in einem Arbeitslager internierten Frau geboren. Racan selbst hatte in einem Interview erklärt, eine Deutsche habe ihn und seine Mutter aus dem Lager befreit und ihnen so wahrscheinlich das Leben gerettet. Über seine Herkunft verlor er aber sonst wenige Worte.

In der Hochschule war er ein Rebell - er hatte Wilhelm Faulkner und James Joyce gelesen sowie Rock 'n' Roll, besonders Elvis Presley, gehört. Später experimentierte er mit Marihuana, was er auch öffentlich zugab und damit auf heftige Kritik im konservativen Teil Kroatiens stieß. Obwohl ein Rebell, wurde der junge Racan schon mit 17 Jahren Mitglied der Kommunistischen Partei.

1970 schloss er ein Jus-Studium in Zagreb ab, engagierte sich in der Folge aber auch als Sozialwissenschaftler. Damals erhoben kroatische Politiker öffentlich die Forderung nach einer selbstständigen kroatischen Schriftsprache, verlangten eine neue Verfassung (als "Staat des kroatischen Volkes"), eine eigene Armee und die außenpolitische Selbstständigkeit.

Nach tumultartigen Zusammenstößen zwischen kroatischen Studenten und der Polizei Ende 1971 wurde der "Kroatische Frühling" beendet. Die kroatischen Parteiführer mussten zurücktreten und 1972 trat Racan zum ersten Mal in die Hochpolitik ein. Ab 1974 war er mit einer Unterbrechung Mitglied im Zentralkomitee der Kroatischen Kommunisten, ab 1989 ihr Vorsitzender.

Anerkennung erwarb er sich, als er Anfang 1990 zusammen mit der slowenischen Delegation und im Streit mit den Nationalisten des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic aus dem Parteikongress in Belgrad auszog und anschließend eine friedliche Übergabe der Macht in Kroatien bewerkstelligte.

Bei den ersten freien Wahlen im Frühling 1990 wurde seine Partei besiegt - die nationalistische HDZ (Kroatische Demokratische Gemeinschaft) übernahm die Macht in Kroatien. Die reformierten Kommunisten mussten nach 45 Jahren die Rolle der Opposition lernen. Anfangs übersprang die Partei die Wahlhürde nur selten, aber nach 1995 wurde das Wahlergebnis immer besser und immer mehr Kroaten stimmten für die Partei Racans.

1999 bildete Racan ein strategisches Wahlbündnis mit der HSLS (Sozialliberalen) und bei den Parlamentswahlen im Jänner 2000 stürzte das Machtmonopol HDZ. Racan wurde Ministerpräsident der neuen Regierung. Schon von Anfang an war allerdings klar, dass die damalige Sechser-Koalition, die bald auf ein Quintett schrumpfte, nicht einfach zu leiten sein würde. Trotz zahlreicher Streitigkeiten hielt die Koalition unter der Leitung Racans bis zum Ende der Legislaturperiode. Und dafür war Racan sehr verdienstvoll.

Die SDP und ihre Koalitionspartner erhielten bei den Wahlen im November 2003 nicht genug Mandate, und Racan musste noch einmal in Opposition gehen. Aber seine Partei lag in Umfragen zuletzt meist vorne. Wie es derzeit aussieht, ist ein Machtwechsel im Herbst nicht ausgeschlossen. Zuerst muss sich die SDP nach Racans Tod aber erst auf die Nachfolge einigen. Dies soll auf einem Parteitag am 2. Juni geschehen.

Jüngst stürzten sich immer mehr sozialdemokratische Politiker ins Rennen um den Vorsitz der SDP. Mindestens vier Kandidaten werden um die Stimmen der Delegierten buhlen, heißt es. Dies ist ein für Kroatin unübliches Gerangel - meist tritt nur ein Kandidat zu einer Wahl des Parteichefs an. Bisher haben Zoran Milanovic, Tonino Picula, Zeljka Antunovic, Zlatko Komadina und Milan Bandic Ambitionen auf die Nachfolge des langjährigen Parteivorsitzenden Ivica Racan gezeigt. (apa/Red)