Menschen von

"Casting-Shows sind der
Tod der Musikindustrie"

Er kommt aus der Punk-Ecke und liefert einen Sommerhit. Itch im News.at-Talk.

Itch © Bild: Red Bull Records

Er liefert mit “Another Man” den potenziellen Sommerhit des Jahres 2015. Die Klänge gehen ins Ohr, der Sound macht gute Laune. Hinter dem eingängigen Song steckt allerdings ein Musiker, der aus einer ganz anderen Eck des musikalischen Lagers stammt: Itch. Der britische Sänger war lange Zeit vor allem dem Punk zuzuschreiben, hat in seiner Jugend auf der Straße in leer stehenden Häusern gelebt, wie er in einem Interview mit „Radio Eins“ erzählte, und eine ganze Tour in einem Rollstuhl gespielt. Nun startet er, nach Jahren als Frontman seiner Band The King Blues, solo durch und sprach mit News.at über seinen musikalischen Wandel, die große Abneigung gegenüber Castingshows, seinen Überraschungserfolg in Australien und natürlich den Wiener Song Contest.

News.at: Für all jene, die dich nicht kennen. Wie würdest du deinen musikalischen Stil beschreiben?
Itch: Ich versuche, die Energie, die Wut des Punkrock zu nehmen und diese mit der Lyrik und dem Storytelling des Hip Hop zu mischen. Für mich sind die beiden Stile dasselbe: Hip Hop ist schwarzer Punk und Punk ist weißer Hip Hop. Beides stammt von Kids auf der Straße und hat Ecken und Kanten und scheut sich nicht davor, politische Inhalte zu thematisieren. Deshalb fühle ich mich da zugehörig.

News.at: Itch ist nicht gerade ein alltäglicher Name. Wie kamst du dazu?
Itch: Ich hatte einen Ausschlag, als ich sehr jung war und das ist geblieben… der Name, nicht der Ausschlag (lacht).

News.at: Wer sind deine eigenen großen Idole?
Itch: Die größte Rockband aller Zeiten ist für mich The Clash. Ich habe mir oft Joe Strummers Lyrics angehört und komme immer wieder darauf zurück – und entdecke immer noch Neues. Sie sind für mich die ultimative Band: Sie waren progressiv und gleichzeitig sehr politisch, hatten Ecken und Kanten und waren einfach enorm wichtig für mich.

Itch
© Red Bull Records

News.at: Deine Band, The King Blues, war sehr erfolgreich. Warum habt ihr euch aufgelöst?
Itch: Nach zwölf Jahren wollte etwas anderes machen. Ich liebe all das, was wir erreicht haben und wie wir es erreicht haben. Ich finde es toll, dass wir unsere Würde beibehalten haben, aber wir sind irgendwann an dem Punkt angelangt, an dem wir zu groß wurden. Wir spielten stets auf Protesten mit der ständigen Gefahr, dass die Polizei jeden Moment alles dicht macht. Das war ausgefallen und aufregend und ein Spaß, aber je größer wir wurden, desto mehr nahm dieses Kribbeln ab. Bis es an einem Punkt aufhörte, aufregend zu sein. Deshalb wollte ich etwas Neues machen.

»Ich fühle mich, als hätte ich eine zweite Chance bekommen.«

News.at: Solltest du jetzt erneut den Punkt erreichen, zu erfolgreich zu werden, startest du dann wieder etwas anderes?
Itch: Das kommt auf die Art und Weise an, wie es passiert. Der Grund, warum wir die King Blues gestartet haben war, dass wir jung waren und idealistisch. Wir wollten den Krieg im Irak gewinnen und dachten, wir könnten das. Die Band hatte aber aufgrund dieser Natur, politisch zu sein, von Haus aus eine kürzere Lebensdauer. Im Gegensatz dazu genieße ich das, was ich jetzt mache mehr. Ich bin etwas älter und weiser und fühle mich, als hätte ich eine zweite Chance bekommen, von meinen Fehlern zu lernen sowie auch von den Dingen, die ich richtig gemacht habe.

News.at: Sowohl deine aktuelle Single „Another Man“ als auch deine letzte Single „Laugh“ werden von aufwändigen, lustigen Musikvideos begleitet. Wie wichtig sind Musikvideos in Zeiten nach MTV überhaupt?
Itch: Natürlich nicht so wichtig wie in den 90er-Jahren, aber ich denke, heute hat man so viel mehr Möglichkeiten, welche Musik man hören möchte. Und wenn man dann etwas ein bisschen anderes macht, so wie ich, kann ein Video zum besseren Verständnis dienen, worum es geht und was man mit der Musik sagen möchte. Natürlich sind Videos dennoch nur ein lustiges Promo-Werkzeug. Das wichtigste bleibt die Kunst, die Texte, die Musik.

News.at: Das „Laugh“-Video erinnert an eine Sitcom. Bist du ein Fan von Sitcoms?
Itch: Ja! Wenn ich mir eine Sitcom ansehe, dann fühle ich mich wie ein normaler Mensch. Ich fühle mich, als hätte ich einen normalen Job und das genieße ich. Ich fühle mich dann nicht wie ein schräger Typ.

News.at: Was ist deine Lieblingssitcom?
Itch: „Only Fools and Horses“ – eine alte britische Serie.

Itch
© Red Bull Records

News.at: Du hast auch einen Song zur „Showtime“-Serie “Shameless” beigetragen. Wie kam es dazu?
Itch: Die Macher haben einen Track von mir gehört und mich kontaktiert. Ich glaube, sie haben eine Verbindung zwischen der Serie und meinem Background – ich komme nicht aus einem reichen Background – gesehen.

News.at: „Another Man“ feiert große Erfolge in Australien. Wie kam es dazu?
Itch: Ich habe keine Ahnung, wie das passiert ist. Mir wurde am Telefon mitgeteilt, dass mein Song in Australien in die Top Ten eingestiegen sei, eine Woche später Gold erreicht hat, dann Platin und noch immer da ist. Ich konnte es nicht glauben. Ich bin schon lange in der Musikindustrie tätig, aber für jede Platte, die ich bisher verkauft hatte, musste ich hart arbeiten, viel touren und dann vielleicht gelang der Verkauf. Hier war es genau anders herum. Erst danach reiste ich nach Australien, es war komplett bizarr, aber cool.

»Casting Shows? Sie sind der Tod der Musikindustrie.«

News.at: Du singst im Duett mit Megan Joy, einer Teilnehmerin von „American Idol“. Magst du Casting Shows?
Itch: Ich hasse sie! Ich kann sie nicht ausstehen, sie sind der Tod der Musikindustrie. Ich glaube, sie sind schlecht für die Künstler und schlecht für alles und sie machen mich krank. Die Idee, dass man einen Song vorträgt und dann wird entschieden, ob man eine Chance bekommt oder nicht, ist totaler Mist. Mir wurde so oft die Tür vor dem Gesicht zugeknallt und gesagt, ich würde es nie schaffen, aber man muss einfach weitermachen. Die Idee, dass da drei Juroren darüber entscheiden, ist lächerlich.
Aber Megan Joy ist eine unglaubliche Künstlerin, die ich durch ihren Ehemann, einen Freund von mir, kenne. Ich hörte sie singen und war begeistert.

News.at: Auch eine Art Casting-Show ist der Eurovision Song Contest, der in Wien stattfindet. Bist du ein Song-Contest-Fan?
Itch: Ja! Der Unterschied zu Talentshows ist, dass der ESC ein Spaß ist und das verstehen die Menschen auch, während sich Castingshows selbst ernst nehmen. Die letztjährige Gewinnerin, Conchita Wurst, war fantastisch und die Tatsache, dass sie gewonnen hat, ist so verdammt Punk.

News.at: Möchtest du selbst einmal mitsingen beim Song Contest?
Itch: Ja, wenn ich ein Duett mit Conchita singen dürfte.

News.at: Sehen wir dich auch so bald live in Österreich?
Itch: Ja, das Jahr ist eine komplette Europa-Tour geplant, sie ist nur noch nicht ganz fixiert.

News.at: Werden deine Fans da auch alte Songs von den King Blues zu hören bekommen?
Itch: Nein, ich spiele nur meine Solo-Sachen.

Kommentare